Alben des Monats: Oktober 2022

Alben des Monats | Oktober 2022

Der Herbst ist in vollem Gange, die Uhren sind zurückgestellt und die Bäume droppen mindestens genauso viele Blätter wie Künstler*innen jeden Monat aufs Neue die Digitalen Streaming Plattformen mit neuer Musik versorgen. Die Redaktion blickt für euch zurück auf die besten Releases aus dem Oktober. Neben einem hervorragendem Album von RapK (»Odysee«), einer sehr gelungenen EP von Apsilon (»32 Zähne«), einem Mädness in Bestform (»Maggo lebt«), tritt Hit-Garant und Ad-Lib Hardliner Luciano mit Features wie Central Cee, Aitch, Bia und Headie One weiter die Türen zum internationalen Markt auf (»Majestic«).

Wer die Highlights der Redaktion und damit die Alben des Monats sind, erfahrt ihr hier.

Disarstar – Rolex für alle

Cover via Four Music / Sony Music

Sein “bisher bestes Album” hat er es in der Promophase immer wieder genannt, und auch wenn das natürlich so gut wie jeder Artist in der Bewerbungsphase des neuen Projektes behauptet, so schienen Disarstars Worte nicht einfach aus der Luft gegriffen zu sein. Schon die Singles wie »Supergirl« oder Titeltrack »Rolex für alle« bewiesen im Vorfeld, dass es sich bei dem sechsten Album des Hamburger Rappers um sein vielleicht bislang am meisten ausgereiftestes handeln könnte. Dazu kam, dass Disarstar direkt nach Abschluss seines letzten – und bislang erfolgreichesten – Albums »Deutscher Oktober« (lest hier den Soundcheck zu Deutscher Oktober // Review) nahtlos anknüpfte, sich mit großen Producernamen wie The Cratez oder den Jugglerz zusammentat und jede Menge Musik geschaffen hat. Jede Menge Auswahl also bei der Zusammenstellung eines neuen Albums.

Und jede Menge ist auch dabei herausgekommen. Die Spannweite des musikalischen Rahmens reicht wie schon von früheren Projekten gewohnt von melancholisch-drückend (»Supergirl«, »Ode an die Traurigkeit«) bis hin zu energetischen Brechern (»Pausenlos«, »Rolex für alle«), die sich live mit Sicherheit mehr als gut machen. Das alles kommt natürlich Disarstar-getreu immer mit dem Versprechen, dass sich textlich eins um andere Mal mit den Problemen dieser Gesellschaft auseinandergesetzt wird und kein Stein auf dem anderen bleibt. Tief verbohrt er sich auf den 12 Tracks + Skit in Themenbereichen wie Privilegien, Klassismus und anderen Ungerechtigkeiten, die er nicht müde wird anzuprangern.

In Verbindung mit seinem dauerhaft hochgehaltenen Lokalpatriotismus hat sich hier seit Beginn seiner Karriere eine Formel entwickelt, die im Kern zwar die gleiche bleibt aber von Album zu Album musikalisch ausgereifter umspannt wird. Auch auf »Rolex für alle« ist das deutlich erkennbar.

Matthi Hilge

Pashanim – Himmel über Berlin

Cover via URBAN

Neun Songs, acht Producer, 19 Minuten Laufzeit, null Promophase. Der kleine Prinz aus Berlin droppte Ende letztens Monats aus dem nichts sein erstes Mixtape und veränderte wieder einmal das Wetter über der Deutschrap Landschaft.

Pashanim ist und bleibt ein Phänomen. Auch wenn dieses Mixtape zahlentechnisch bisher noch nicht die gleichen Erfolge wie seine vorangegangenen Veröffentlichungen erzielen konnte, schaffte er es sich auf »Himmel über Berlin«  einmal mehr neu zu erfinden und doch irgendwie den gewohnten Pashanim-Sound beizubehalten, der ihn so einzigartig macht. 
Auf inhaltliche Diversität darf man sich auf diesem Projekt zwar nicht wirklich freuen, doch mit dieser Erwartung bricht er gleich zu Beginn im Intro des ersten Songs.

Bruder sie sagen wir rappen immer das Gleiche/
Mehringdamm 61 Packets, schnelle Autos .
Aber Bruder, ich versteh nicht, das ist doch unser Leben/
Wenn wir nicht von das rappen, von was soll’n wir sonst rappen.

2019 (justbars rmx) 

»Himmel über Berlin« ist kein Konzeptalbum. Es fühlt sich vielmehr an, wie neun skizzenhaften Ideen, die mit dem richtigen Mix und Master, plus einer Laufzeit von mehr als zwei Minuten das Potenzial gehabt hätten, ihre Vorgänger »Sommergewitter« und »Airwaves« als Megahits zu beerben. Stattdessen wirkt dieses Mixtape vielmehr wie eine Spielwiese für Pashanim, auf der er mit neuen Sounds experimentieren kann, ohne dabei den Druck einer bestimmten Chartplatzierungen als hemmenden Faktor im Hinterkopf zu haben. Das unfertige Element seiner Songs und die Inhalte, die sein alltägliches Leben auf den Straßen Kreuzbergs behandeln, lassen ihn auf die Zuhörer*innen nahbar wirken und erlauben es sich besser mit ihm und seiner Situation identifizieren zu können. 
Pasha ist eben kein gewöhnlicher Teil der Musikindustrie. Er spielt nach seinen eigenen Regeln und genau das scheint auch in Zukunft der Schlüssel zu seinem Erfolg zu bleiben.

Fynn Pschiuk

Harry Quintana – Zwanglose Lieder mit tropischem Flair

Cover via Quinto Set

Quintana ist zurück! Und das, für sein Dasein als “Teilzeitrapper” und seinen üblichen Release-Rhythmus, schneller als man es erwartet hätte. Die Freude am Rappen muss ihn mal wieder gepackt haben, das hört man deutlich. So liefert er von Anfang bis Ende, vom Titel bis zum Sound, treffsicher ein rundes Album mit allem, was ihn ausmacht: »Zwanglose Lieder mit tropischem Flair«.

Mal tritt er ganz als Genießer in Szene,

Pinot Grigio im glas dazu Frutti di Mare – ich glaub’ das ist Nutri Score A ey.

In Nächten wie diesen

mal überkommen ihn wieder graue Leere und weißes Rauschen

Das Warten auf die abendliche Fußballübertragung macht den Tag ein kleines bisschen schöner/
Um die Dumpfheit zu ertragen, gibt es hundert Chemikalien/
aber alles eine Frage der Gewöhnung.

110 feat. Blanko Malte

und an anderen Stellen glüht er vor Angriffslust

Du bist kein Star, die Industrie hat dich verpflanzt/
Deshalb macht dir Rap auch kein bisschen Fun.

Weißer Rauch

Alles wie immer, könnte man meinen. In gewisser Weise stimmt das auch. Harry Quintana bleibt seiner unverwechselbaren Attitüde treu. Er kickt lässige Flows, streut die wildesten Verweise in Wirtschaft, Sport und Popkultur und nimmt das Rapgame kein bisschen Ernst. Mühelos jongliert er Überheblichkeit und Melancholie, von bayerischer Spießer Tristesse zur Zwanglosigkeit tropischer Nächte. Von München und Marktoberdorf nach Belize und auf die Bahamas. Vor allem in der Harmonie mit Blanko Malte blüht er dermaßen auf, dass man sich ein Kollaboalbum der beiden wünschen möchte. Alles wie immer also und doch hält das Album auch Neues bereit.

Ein in sich schlüssigeres Soundbild zum Beispiel, das den Titel des Albums ausgezeichnet untermalt oder auch einen textlichen roten Faden, der im Outro-Track einen überraschend versöhnlichen Abschluss findet. Statt dem typischen »Weiter«, »Immer Weiter« klingt »Guachalito Beach« plötzlich sehr nach Ankunft und Zufriedenheit.

Und ich schau’ in dein Gesicht, spüre nichts/
Außer reines Glück, totales Gleichgewicht.
Von hier aus geh’ ich nie mehr in die Dunkelheit zurück/
Endlich frei.

Guachalito Beach feat. Camila Bermudez

Ohne diesen Anspruch zu haben, weiß Harry Quintana genau, womit er seine Fans begeistern kann. Indem er sich treu bleibt und seinem eigenen Kompass folgend den herkömmlichen Pfaden der Musikindustrie bewusst aus dem Weg geht.

Harry Quintana geht nur noch dahin, wo ihn der Wind trägt. Locker kommt er angeweht, und locker hinterlässt er Schwermut und Gelassenheit, wenn die nächste Böe ihn davon trägt. Bis zum nächsten Anflug von Traurigkeit, bis zur nächsten tropischen Nacht, bis zum nächsten Album.

Magnus Menzer