Foto via Noah Fackelmann

Travis Scotts »UTOPIA«: Ist es das Album des Jahres?

Der Hype war so groß wie bei lange keinem Hip-Hop Album davor. Seit 2021 teaste Travis Scott sein mittlerweile viertes Album »UTOPIA« an – und hat die Erwartungshaltung an das Album über die Zeit auf ein Maximum hochgeschraubt. Damals noch mit orakelhaften Insta-Captions und One Linern, später dann mit Brieftaschen, Pyramiden und Baseballmannschaften. Nun ist »UTOPIA« am 28. Juli erschienen. Endlich möchte man meinen, wer weiß, welche Kehrtwenden die sich überschlagenden Marketingstrategien sonst noch alles genommen hätten. Bei all dem Drumherum kann sich nun endlich der Frage gestellt werden: Wie klingt eigentlich die Musik von diesem beinahe zum Mythos gewordenen Album?

Soundcheck: Travis Scott - Utopia
Cover via Cactus Jack / Sony

Sein letztes Album »ASTROWORLD« ist vor fünf Jahren erschienen und hat ihn damals endgültig zu dem größten Rapper seiner Generation gemacht. Momente wie der Beat Switch bei »SICKO MODE«, das musikalische Konzept des verspielten Themenparks oder die schiere Masse an qualitiven A-List Features brachten Travis Scott endgültig über die Superstar-Schwelle.

»Utopia« versucht vielleicht auch deshalb in einigen Belangen die Erfolgsformeln von »ASTROWORLD« zu übernehmen (siehe die ungelisteten Star-Features, siehe den Drake Song mitsamt Beat Switch, siehe die Albumlänge) macht dann aber klanglich doch einiges anders als der wahnsinnig erfolgreiche Vorgänger. Vor allem der Grundton des Albums ist deutlich dunkler als das verspielte, poppige »ASTROWORLD«. Die Synths von Mike Dean dominieren und dass zum Beispiel ein 21 Savage mit seiner tiefschwarzen Delivery gleich zweimal auf dem Album platziert ist, spricht ebenfalls Bände.

Die Songs auf »UTOPIA«

Beginnen tut das Album aber erstmal deutlich experimenteller, als es die bewusst repetitiven gehaltenen Parts von 21 tun. Der auf einem Sample eines französischen Sängers basierende Beat von »HYAENA« steckt bereits direkt im Intro sinnbildlich ab, wie viel Experimentierfreudigkeit in den nächsten 73 Minuten auf die riesige Zuhörer*innenschaft zukommt. »MODERN JAM« steht dem in nichts nach und insbesondere Teezo Touchdown, dessen Stimme an einigen Stellen gefährlich doll mit André 3000 verwechselt werden könnte, nimmt die Experimentier-Einladung Travis’ dankend an. Dass er nach Features bei Tyler, The Creator und Don Toliver nun auch bei Travis Scott gastieren darf, stellt deutlich unter Beweis, wie sehr auch noch in Zukunft mit dem extravaganten Stil des Texas-Rapper gerechnet werden darf.

Drei Tracks darauf folgt mit »SIRENS« einer der besten Songs des Albums. Das Sample, bestehend aus dem Track einer amerikanischen 70s-Rockband und einem sambischen Kalindula-Song aus 1975, grenzt an ein psychedelisches Erlebnis und führt zum ersten Mal so richtig zum Schweben auf diesem Album. Das endet aber recht aprupt und Travis probiert statt weiterer Experimente erstmal den Hit des Albums mit aller Kraft zu forcieren. »MELTDOWN« versucht den »SICKO MODE« nachzuahmen, Drake und Travis kommen aber trotz eines grundsoliden Hype-Songs mitsamt zitierreifen One Linern nicht ganz an diesen krassen Moment von 2018 heran. Als nächstes soll es Playboi Carti richten, der auf »FE!N« eine viel besprochene neue Stimmlage austestet (er rappt tiefer), doch auch dieser Song will nicht so ganz als der Hitsong des Albums kleben bleiben. Definitiv kleben bleiben wird er aber als DER Livesong des Albums.

Die Hits des Albums?

»DELRESTO (ECHOES)«, »CIRCUS MAXIMUS« und die Vorabsingle »K-POP« sollten rein von den Features ebenso Anwärter auf die Frage nach der Hitsingle des Albums sein. Dass The Weeknd gleich zweimal, Beyoncé zu Travis großer Freude zum ersten Mal und Reggaeton-Megastar Bad Bunny allesamt auf diesem Blockbuster-Ablum vertreten sind zeigt, welchen Pull der 32-Jährige hat – und wie sehr er seine musikalischen Visionen ausleben kann, weil eben alle Namen, die er haben möchte sich selbstverständlich auch nicht zweimal bitten lassen. Auffällig dabei ist auch, dass sich sämtliche Features trotz ihrer Größe oder Einzigartigkeit nicht ins Spotlight drängen, sondern Travis in Ruhe kuratieren lassen und sich bereitwillig für den jeweiligen Vibe des Songs inszenieren lassen. Sampha und Bon Iver lassen sich auf »MY EYES« beispielsweise trotz ihrer ganz eigenen klanglichen Welt darauf ein, nur äußerst sparsam und und sehr gezielt an die richtigen Stellen setzen zu lassen.

So auch bei »TELEKINESIS«, dass das kommende Ende von »UTOPIA« einläutet. Future leitet ein und führt mit seinen »Future Sounds« zunächst gemeinsam mit Travis durch den Song, bis SZA dem beinahe zur Ruhe gekommenen Instrumental neues und ganz anderes Leben einhaucht. Ein Song, der mit seinen sphärischen Klängen schon für sich genommen das Outro sein könnte – doch einen letzten hat Travis Scott noch auf Lager. Der schon auf dem (ebenfalls sehr überzeugenden) »LOST FOREVER« zur Geltung kommende James Blake steigt auf und lädt mit »TIL FURTHER NOTICE« noch einmal zum Schweben ein. Ähnlich wie auf Kanye Wests »No Child Left Behind« auf seinem Gospel-Stadion-Sound-Album »Donda« ist spätestens hier das Spongebob-Meme wieder zutreffend.

Die Kanye Influence

Und an dieser Stelle muss gesagt sein, dass dieser Moment bei weitem nicht der einzige ist, wo der Kanye-Einfluss deutlich zu spüren ist. Auch das KayCyy gefeaturete »THANK GOD« könnte so von »Donda« stammen und auch wenn Ye nicht selber per Stimme zum Einsatz kommt, so zeigt er sich doch hin und wieder in den Production Credits und liegt generell wie ein Geist über dem Klang des Albums. Das liegt auch daran, dass Songs wie »GOD’S COUNTRY« oder »TELEKINESIS« aus »Donda«-Aufnahmezeiten stammen, jedoch Travis überlassen wurden. Und das ist kein Wunder, schließlich ist Travis selber ein auserkorener Liebling von Ye, hat öfters für den Chicago-Rapper produziert und nebenbei auch viel von ihm gelernt und teils übernommen.

Aber eine Sache fehlt ihm. Was man Kanye bei allen negativen Schlagzeilen der letzten Jahre nicht absprechen kann ist sein Charakter – im Gegenteil, er hat eher zu viel davon. Und das ist der Unterschied zu Travis, der eigentlich alles andere mitbringt um in die Fußstapfen seines Idols und Mentors zu treten: Wir lernen trotz 19 Songs kaum was über den Menschen Travis Scott. Und dabei böten die letzten Jahre doch eigentlich soviel Raum um Persönliches preiszugeben und mit introspektiven Lyrics sich ein wenig nahbarer zu machen.

Auf »MY EYES« scheint es für einen Moment so etwas zu geben, als er die Nacht nochmal durch seine Zeilen durchlebt und rappt:

I replay them nights, and right by my side, all I see is a sea of people that ride with me / If they just knew what Scotty would do to jump off the stage and save him a child / The things I created became the most weighted, I gotta find balance and keep me inspired

Travis Scott auf MY EYES

Doch nur wenige Zeilen später dreht es sich wieder um Iced Out-Uhren, in Gips gegossene Penisse und Eigentumswohnungen. Keine Frage, das Phänomen Travis Scott lebt natürlich auch vor allem durch die Delivery, die Flows und die musikalische Landschaft, die er wie kaum ein zweiter aufbauen kann. Doch das wäre so der nächste große Schritt – aber einer, der ja durchaus, wie auf dem angesprochenen »MY EYES« oder früheren Songs wie »COFFEE BEAN« und »90210«, auch im Raum des Möglichen für ihn zu sein scheint.

Wie steht das Album im Vergleich zu den Vorgängern da?

Meine Kritik oder vielmehr mein Wunsch ist aber natürlich eine Kritik auf dem allerhöchsten Niveau und ich bin trotzdem schon jetzt der Meinung, dass dieses Album mit seiner Experimentierfreudigkeit, der Kuration der Gäste und den wunderschönen Klangwelten sogar ein Stück besser ist als »ASTROWORLD« und sich einen engen Kampf mit »Rodeo« liefert. Auch seine Haupthörer*innenschaft scheint die fehlende Persönlichkeit kaum davon abzuhalten, ihn ohne Ende zu streamen und unterstützen. Gerade wird vorsichtig davon ausgegangen, dass »UTOPIA« über 500.000 Einheiten in der ersten Woche verkaufen wird – ein riesiger Meilenstein, wenn man bedenkt, dass durch Streaming und allgemeine Chartzähländerungen solch hohe Werte lange nicht mehr im Hip-Hop erreicht wurden. Zum Vergleich: Kendrick Lamar hat mit seinem Comeback-Album letztes Jahr 286.000 Einheiten verkauft und Lil Uzi Vert mit seinem »Pink Tape« – immerhin das bis dato best verkaufteste Rap-Album des Jahres – 165k erreicht.

Travis spielt momentan einfach in einer anderen Liga. Wenn das nächste Album nun noch etwas mehr Facetten hinter der Figur Travis Scott zeigt und er dabei gleichzeitig dieses beispiellose Ohr für die Beats, die Kuration der Gäste und die Experimentierfreudigkeit beibehält, dann geht er vielleicht den nächsten Schritt und erklimmt nicht nur für diese Generation den Rap-Olymp.

Tracklist: Travis Scott – Utopia

01. HYAENA
02. THANK GOD (feat. KayCyy)
03. MODERN JAM (feat. Teezo Touchdown)
04. MY EYES (feat. Bon Iver & Sampha)
05. GOD’S COUNTRY
06. SIRENS
07. MELTDOWN (feat. Drake)
08. FE!N (feat. Playboi Carti & Sheck Wes)
09. DELRESTO (ECHOES) (feat. Beyoncé & Bon Iver)
10. I KNOW ?
11. TOPIA TWINS (feat. Rob49 & 21 Savage)
12. CIRCUS MAXIMUS (feat. Swae Lee & The Weeknd)
13. PARASAIL (feat. Yung Lean)
14. SKITZO (feat. Young Thug)
15. LOST FOREVER (feat. Westside Gunn & James Blake)
16. LOOOVE (feat. Kid Cudi)
17. K-POP (feat. The Weeknd & Bad Bunny)
18. TELEKINESIS (feat. Future & SZA)
19. TIL FURHTER NOTICE (feat. James Blake & 21 Savage)