Soundcheck: Pusha-T - It's almost dry
Cover via G.O.O.D Music / Def Jam Records

Pusha T – It’s Almost Dry // REVIEW

Es ist fast genau vier Jahre her, dass Pusha T sein letztes Album »Daytona« herausgebracht hat. Nachdem er selber den Hype seit Monaten mit Teasern aufgebaut hat, fragten sich Fans und Kritiker*innen, ob Push es schaffen kann, mit seinem neuen Album an das letzte Meisterwerk anzuknüpfen. Spätestens seit seinen Features auf Nigo’s All Star-Projekt »I Know NIGO!« – wo er gleich zweimal erschien, Solo auf »Hear Me Clearly« und als Teil von Clipse auf »Punch Bowl« – sind die Erwartungen ins Unendliche gestiegen. Letzten Freitag war es nun endlich soweit: Pusha T hat unsere Gebete erhört und endlich »It’s Almost Dry« veröffentlicht.

Mit 35:54 Minuten ist das Album recht kurz, folgt aber den aktuellen Trends und ist immerhin deutlich länger als noch das Sieben-Tracks-Projekt »Daytona«, das 2018 mit 21:08 Minuten Spielzeit erschienen ist. Die Arbeit am neuen Album begann 2020, während Push – wie wir alle – pandemiebedingt zuhause war und dann mit Frau und Kind im Gepäck auf Pharrell Williams Anwesen zog, um ohne Erwartungen an neuer Musik zu arbeiten.
Vorneweg: Das neue Album muss sich in keiner Weise vor »Daytona« verstecken. Neben Pusha’s eigener Wortgewandtheit sticht es auch durch die Produktion hervor, denn es ist fast gleichermaßen von Pharrell und Kanye West aka Ye produced worden – und beide erkennt man direkt an ihrem einschlägigen Stil. Sei es Pharrell’s Four-Count-Start auf dem Intro-Track »Brambleton« oder Ye’s typische Soul-Samples auf »Dreamin Of The Past«, die Balance der beiden ist ausschlaggebend für die Stimmung des Albums. Es ist vor allem aber auch besonders, da beide Produzenten Pusha T mehr oder weniger seine gesamte Karriere lang begleitet haben. Das neue Projekt bleibt also eine Familienangelegenheit. 

Dennoch – wenn es ein Wettbewerb wäre, dann würde Pharrell diese Runde gewinnen. Seine Beats bringen eine fast schon düstere Vorahnung mit sich und sorgen damit für die perfekte Atmosphäre, die Ye’s genial simplen, aber wie immer extrem effektiven Samples minimal übertrumpft. Auf »Brambleton« folgt der sehr dynamische Track »Let The Smokers Shine The Coupes«. Dominiert von fieberhaften elektronischen Beats bekommt Pharrell hier Unterstützung von Künstler-Duo Ojivolta. Der Beat liefert die perfekte Grundlage für Push aka “Cocaine’s Dr. Seuss” und ist schon vorab ein Fan-Favorite geworden. Ein weiteres Easter Egg: Auf dem Song ist ein Lachen zu hören, das ganz stark an den Joker erinnert – ein Film den Pusha T während der Aufnahmen als Inspiration stumm im Hintergrund laufen ließ. Ye’s Höhepunkt ist neben »Diet Coke« definitiv »Rock N Roll«, auf dem neben ihm und Pusha auch Kid Cudi zu hören ist. Der Track glänzt durch ein Sample von Beyonce’s Song »1+1«, das allerdings so verzerrt ist, dass man erst beim zweiten Mal hören drauf kommt. Zusammen mit dem tragisch-hoffnungsvollen orgelähnlichen Hintergrund ist der Song eines der Highlights des Albums. Der Track entstand vor dem Bruch zwischen Kanye und Cudi und laut letzterem wird es die letzte Zusammenarbeit der beiden sein. 

Die Thematik des Albums ist bekannt: Es geht wieder um Drogen, Verbrechen und die Straße. Dennoch werden wir nicht müde, Pusha T dabei zuzuhören. Es gibt wohl keinen in der Szene, der es schafft sich so vielfältig und zungenfertig über das Dealen von Koks auszudrücken. Bestes Beispiel dafür und ein Höhepunkt des Albums ist der Track »Neck & Wrist«. Neben Pharrell’s Produktion glänzt der Track auch dadurch, dass hier die beiden Meister des Coke Rap aufeinander treffen. Wie Push selbst gegenüber Complex in einem Interview sagte, ist Jay-Z seit seinem Debütalbum »Reasonable Doubt« 1996 an der Spitze des Coke Rap, natürlich direkt gefolgt von Pusha T selbst. Die letzte Kollaboration der beiden war 2016 mit »Drug Dealers Anonymous«. Der Track vereint genau das, was Push mit dem gesamten Album beweisen wollte: Coke- oder eher Straßenrap ist eine Kunstform, die noch lange nicht vorbei ist. Im Gegenteil: Mit »It’s Almost Dry« beweist Pusha T allen, dass er immer noch mit dem jungen Mainstream Hip-Hop mithalten kann und sich durch sein Talent eine einzigartige Stellung verschafft hat. Bester Beweis dafür ist der Outrosong des Albums »I Pray For You«, der von Ye und UK-Allroundtalent Labrinth produziert ist. Der Song sticht er voll allem durch die für Labrinth typischen orchestralen Gospel-Elektro Effekte hervor, mit der er auch schon der HBO-Hitserie Euphoria Stimmung verliehen hat. Neben den Beats ist Labrinth aber auch durch seinen Gesang im Refrain vertreten und verleiht dem Ganzen eine fast schon spirituelle Note. Ein weiteres Highlight ist auch das Push wieder mal zusammen mit seinem Bruder Malice auf einem Track zu hören ist. Seit deren Zusammenarbeit auf Nigos Album (hier zum Soundcheck) versucht Push seinen großen Bruder davon zu überzeugen, an einem neuen Clipse Album zu arbeiten, bisher leider erfolglos. Dennoch zeigt der Song wie talentiert die beiden Brüder sind und bietet das perfekte Outro für das Album.

Insgesamt übertrifft »It’s Almost Dry« die Erwartungen und erfüllt den selbst-aufgebauten Hype. Das Album ist extrem vielfältig, einerseits durch die Produktion andererseits aber auch durch Pusha T selbst, der gekonnt auf den unterschiedlichsten Beats rappt, dabei elegant den Stil wechselt und dennoch immer die Oberhand behält. Das Album ist ein Beweis für sein Talent und ein weiterer Teil seines musikalischen Erbes. Gepackt mit einem potentiellen Hit nach dem anderen und wechselnden Produktionen von Pharrell und Ye, beweist Pusha T mal wieder, dass sich Coke Rap auch nach zwanzig Jahren im Business noch erfrischend neu anhören kann.