Vince Staples hat sein neues Album Cry Baby veröffentlicht
Foto via Adrian Niento

»Cry Baby«: Ein Album von Aufbau, Abbau und Revolution

Vince Staples ist zurück und dabei plakativ, ohne den Tiefgang zu verlieren. Nach Eröffnung der Leadsingle »Black Marmalade« durch einen verzerrten Bass, der über das Album hinweg den musikalischen Nährboden bietet, führen die zehn Tracks erweiternd aus, was das Cover in zugespitzter Form darstellt: ein weinendes Baby mit verblüffender Ähnlichkeit zu Donald Trump.

Vince Staples - Cry Baby Cover
Cover via Section Eight Arthouse

Während das Vorgängeralbum »Dark Times« fokussiert und düster den Blick nach innen richtet, dreht Vince Staples dieses Mal die Kamera um und schafft eine Momentaufnahme, bei der schnell realisiert wird, dass die gezeigten Verhältnisse eigentlich schon eine lange Zeit existieren. Dies wird damit gut auf den Punkt gebracht, dass im Track »The Big Bad Wolf« ein Slick Rick Sample aus dem Jahre 1989 die Rolle der Polizei als ausführendes Organ der Gewalt an der Schwarzen Bevölkerung immernoch aktuell beschreibt: “Once upon a time not long ago Cops shot the kid, cops shot the kid”

»Cry Baby« ist übersät von historischen Referenzen, die ein System beschreiben, dessen heutiges Gesicht zwar Donald Trump sein mag, das allerdings auch vorher existiert hat und auch danach existieren wird, wenn es keine Änderungen daran gibt. Der Präsident ist zwar das Gesicht. Dahinter stehen trotzdem auch eine Bevölkerung, das Kapital, das den Struggle finanziell ausschlachtet und in seine Abhängigkeit bringt, die Medien (»TV Guide«) und eben die Polizei, deren Rolle auf mehreren Tracks beschrieben wird.

Auf »Go!Go!Gorilla« berichtet Vince Staples von seinen eigenen gewaltvollen Erfahrungen mit einer Polizei, die von vornherein aus einer entmentschlichend rassistischen Sichtweise auf die Situation zugeht und in der Folge die Art der Konfrontation von der Hautfarbe abhängig macht. In der zweiten Strophe wird dies mit der historischen Einordnung in die Durchsetzung von Segregation und Verhinderung von Eintritten in Gewerkschaften ergänzt – also der legalen und sanktionierten Durchsetzung eines in sich rassistischen Systems.

Einstürzen, neubauen

Ein weiteres Thema, das sich durch das Album zieht, ist Aufbau und Abriss. Sowohl auf der individuellen, Staples als Musiker betreffenden Ebene, als auch im großen, historischen Beispiel am Track »Tulsa, OK«. Dieser Track ist nicht auf der regulären Version von »Cry Baby«, sondern stand jetzt nur auf der Vinyl erhältlich – es gibt allerdings auch eine Live-Version des Albums zum Release, auf der dieser Track, der wahrscheinlich punkigste des Albums, empfehlenswert anzuhören ist. »Tulsa, OK« handelt vom Massaker im Jahr 1921 in der gleichnamigen Stadt, in dem die sogenannte Black Wall Street niedergebrannt und verwüstet wurde, nachdem diese sich trotz segregationistischer Gesetzgebung zu einer wohlhabenden Gegend der Schwarzen Bevölkerung durch Handel untereinander aufgebaut hatte. Weiterhin werden in dem Track mehrere Personen genannt (u.a. Fred Hampton), die als Mitglieder der Black Panther Party nach dem Organisieren gegen das System von diesem ermordet wurden. 

Ein zweiter Weg, im Umgang mit denjenigen, die es entgegen des Systems zu Erfolg schaffen, ist in »Cry Baby« die Kommodifizierung durch das Kapital. Einmal die Kommodifizierung der Musik und des Tanzes (wie im Song »Cotton«: “I wanna see you dance for me”), die während der Sklaverei zum Durchhalten und über die Jahre zur Resistenz verholfen haben. Zum Anderen, dass diejenigen, die politischen Erfolg im System hatten, trotzdem vom System vereinnahmt werden und dennoch oftmals auf ihre Hautfarbe reduziert werden (Barack Obama und Kamala Harris im Track »Blackberry Marmalade«).

Crackers watched me work and break my back and said they gave me this (You know it)
Crackers tapped my pockets with a tax and said they made me rich (Yeah)
Cracker jacked the sound and soul, then boxed me in and shelved my shit like Black men (Uh, uh)

The revolution will not be televised

Für Vince Staples ist die Lösung für diesen Kreislauf Resistenz und Revolution gegenüber des über Laufzeit präzise sezierten Konglomerats deren, die die White Supremacy propagieren. Wenn man seine Interviews und vergangenen Alben anhört, dann ist das auch kein zu überraschender Take. Die monotone Delivery und Redensart gibt ihm dabei zwar oftmals plausible deniability; je mehr allerdings in »Cry Baby« hineingehört wird, umso ernster und dringlicher wird es ihm darum, dass sich (zur Not auch mit Gewalt) etwas um die Umstände ändert, die in den zehn Tracks dargestellt werden.

Musikalisch unterstützt Staples seine Texte dieses Mal mit organischen Instrumenten statt 808s. Angefangen mit dem fuzzy Bass in »Blackberry Marmalade« werden verschiedene Rock-Subgenres in den Instrumentals ausgepackt, über die Vince Staples wieder beweist, dass er als lyrisches Chamäleon über jegliche Genres rappen kann. Fast jeder Track hat eine auffallende Bassline im Zentrum und die Sounds gehen von punkig (»Blackberry Marmalade«) über elektronisch (»TV Guide«) bis funkig-tanzbar im Track »Cotton«, um den Punkt des Songs zu unterstreichen.

Vince Staples hat sein neues Album Cry Baby veröffentlicht
Foto via Adrian Niento

Dennoch ist die Auswahl der Instrumentals auch ein Spiel mit den Erwartungen. Für die plakative Leadsingle »Blackberry Marmalade« ist der Rest des Albums in der Erwartung eines vollständigen Punk-Albums etwas zahm, insbesondere im Vergleich zur Schwere der Inhalte. 

Das doppelt sich gleichzeitig auch inhaltlich, wo vom Albumcover auf 35 Minuten ausführliche Kritik in Richtung der jetztzeitigen Regierung der Vereinigten Staaten geschlossen werden könnte. In dieser Hinsicht is »Cry Baby« ein trojanisches Pferd, in dem in rockigen, leicht abgeschliffenen Beats mit monotoner Vince Staples-Delivery nicht nur die jetzige Administration abgestraft wird, sondern mit historischer Ausgestaltung der jetzigen Momentaufnahme der Wunsch nach Revolution mitverpackt wird. Und für die Punk-Fans gibt es weiterhin die Live Version von »Tulsa, OK«.

Fazit
»Cry Baby« ist eine inhaltlich großartige politische LP, die auch in Jahren noch referenziert werden kann. In Teilen kommt das Pacing der ersten paar Tracks und die Kategorie Studio Album einer noch roheren Ausführung in die Quere. Das lenkt aber in keinster Weise davon ab, dass dieses Album die Themenlage, die auch schon in vergangenen Alben zerstreut zu finden war, so präzise und ohne Füller in die Tracks gießt und dennoch den nötigen Tiefgang hinzugibt. Wiederholt hörbar!
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