Soundcheck: Shirin David - Bitches Brauchen Rap
Cover via Juicy Money Records

Shirin David – Bitches Brauchen Rap

“Alles, was ich sag, geht viral grad.” Was Shirin David im Mai ’21 schon in der ersten Zeile auf »Ich darf das« über sich selber festgestellt hat, ist auch ein halbes Jahr später immer noch genauso aktuell. Ihr zweites Soloalbum »Bitches brauchen Rap« hat gerade den Rekord des meistgestreamtesten Albums einer Musikerin am Startwochenende geknackt und auch ansonsten ist Barbara Schirin Davidavičius, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, immer noch in aller Munde. Diskussionen um Eistee-Trends, Künstlichkeit und Writingcredits dominierten in den letzten Monaten die Berichterstattung rund um Shirin. Das soll an dieser Stelle aber nicht zum 100. Mal durchgekaut werden, denn am Ende zählt aber immer noch die Musik und die bietet mit 15 Tracks und 48 Minuten viel Raum für den reinen Fokus auf ihre Kunst.

Das erste Album der YouTube-Gone-Rap Hamburgerin, »Supersize«, musste viel Kritik einstecken. Viel zu poppig, einfallslose Texte und generell sollte so etwas im heiligen Hip-Hop nichts zu suchen haben. “Das hat mit Hip-Hop so viel zu tun wie Wolle Petry mit Grindcore” lautete z.B. eine der Überschriften aus 2019. Verkauft hat es sich natürlich trotzdem so gut wie kaum etwas anderes und die Spitze in den Charts ist reine Formsache gewesen für Shirin, die sich um zu wenig Fans seit ihren YouTube-Starttagen noch nie wirklich Sorgen machen musste.

Man hätte es also genauso weiterführen können und problemlos alle zwei Jahre die gleiche Rezeptur für schnelle Charterfolge und volle Kassen nutzen können, aber die 26-Jährige scheint sich mit ihrem Zweitling keinesfalls ins gemachte Nest setzen zu wollen. Nicht nur der Titel weist darauf hin, dass hier wirklich der Rap in seiner klassischen Form im Fokus steht, auch die Instrumentals von »Bitches brauchen Rap« untermauern das Anliegen von Shirin.

Die zum Großteil von Frio, young mesh & Juh-Dee produzierten Beats lassen die Popanleihen aus der Feder von FNSHRS, die auf »Supersize« noch so präsent zu finden waren, schnell vergessen werden. Stattdessen kommen in den Instrumentals vor allem Puff Daddy-Shiny-Suit-Era Assoziationen auf, die mit modernen Anstrichen dem Zeitgeist entsprechend gemacht wurden. Kleiner Unterschied zu Puffy: statt den Bad Boys aus New York ist es ein Bad Girl aus Bramfeld, das sich diesen Beats annimmt und ihre Geschichte erzählt.

Soundcheck: Shirin David - Bitches Brauchen Rap
Backcover via Juicy Money Records

Anfangen tut ihre Geschichte mit dem Opener »Babsi Bars«, das neben einer Menge Namedropping und Referenzen in Richtung Eminem, Alice Schwarzer oder Ariana Grande vor allem ihre Self-Empowerment-Message in den Mittelpunkt rückt. “Hoes up, G’s down” ist das vorgelebte Motto, das Shirin über die letzten Jahre zum Rolemodel vieler junger Mädchen in Deutschland gemacht hat. Raptechnisch macht »Babsi Bars« ohne Hook und mit vielen Bars bereits im Intro deutlich, das Shirin auf der neuen Platte deutlich schnörkelloser unterwegs ist und zeigt: Sie kann rappen, und wie!

Auf den Track »Depressionen im Paradies«, der sich mit ihrem Perfektionsismusdrang auseinandersetzt, folgt mit »Last Bitch Standing« ein Song über ihren Status im Rapfeld. Nicht nur das Nicki Minaj-Sample im Intro setzt dabei den Vergleich zu den großen Female MCs der letzten Jahre in den USA. Cardi B, Megan Thee Stallion oder eben Nicki fungieren hier als Vorbilder für die sich nicht einschüchtern lassende Frau in einem männlich dominierten Genre, das Shirin hier in Deutschland entschieden mit vorangetrieben hat.

Die Self-Empowerment-Hymne und Single »Ich darf das« verstärkt diese Botschaft nochmal. Die Umkehr von Slutshaming, Emanzipation und das Neudenken von Rollenbildern sind die zentralen Bausteine von »Bitches brauchen Rap« und kaum woanders werden sie so prägnant vorgelebt wie auf diesem Track.

Nach dem ersten Drittel des Albums kommt es zum ersten von zwei Features auf »Bitches brauchen Rap« – und es ist eins mit viel Vorgeschichte. Ihre Beziehung zu Shindy ist spätestens seit »Affalterbach« und ihrem gecancelten Part eine viel diskutierte Story, die Unmengen an Aufregung mit sich gebracht hat. Dass es nun auf dem neuen Album zum erneuten Feature kommt, hat für viel Hype bei der Verkündung gesorgt, der den eigentlichen Song »NDA’s« aber beim Hören leider überstrahlt. So richtig inspiriert und motiviert wirkt Shindy nicht und auch Shirin hat stärkere Parts auf dem Album.

»Juicy Money« wird da schon wieder spannender, denn die Idee, ein Wort durchgehend zu reimen ist zwar nicht neu, aber an dieser Stelle ziemlich gut umgesetzt. Shirin erzählt von ihrem Superstar-Leben und den Sportwagen und Scheinen, die es mit sich bringt, und setzt zwischen alle Messagesongs einfach mal einen spaßigen Track. Auch die Hook wird Rap kaum neu erfinden, aber gemeinsam mit dem ungelisteten Luciano an den Zeilenenden und der achtfachen Nennung von James Bond bleibt das Ganze gut im Kopf.

Noch mehr im Kopf bleibt natürlich »Lieben wir«. Die Single ist seit Erscheinen im Juli nicht mehr aus den Charts wegzudenken und fässt ihre unbekümmerte bis provokative Art auf zweieinhalb Minuten exzellent zusammen.

Weniger singletauglich aber dafür umso präziser fasst »Mans World« gut zusammen, wie Frauen auch heute noch vorrangig über Optik bewertet werden. An den Beispielen von Greta Thunberg oder Sophia Thiel wird das ganze gut deutlich: Zwei Frauen aus sehr unterschiedlichen Feldern, aber beide müssen sich immer wieder mit Kritik zu ganz anderen Dingen auseinandersetzen, als sie eigentlich in erster Linie in ihrer Arbeit transportieren wollen.

Der darauffolgende Track »Bae« ist da weniger inhaltlich stark und lockert auf einem entspannten Instrumental die Stimmung auf, während Shirin über Fuckboys und Loyalität erzählt. Er gerät zu einem der schneller vergessenen Tracks des Albums.

Anders ist das mit dem nächsten Song. Das letzte Drittel des Albums beginnt mit »Be a Hoe/Break a Hoe« und einem Überraschungsfeature. Shirins selbst ernanntes Deutschrap-Idol Kitty Kat ist das zweite und letzte Feature auf dem neuen Album und nutzt den dargebotenen Raum deutlich besser als noch Shindy ein paar Tracks zuvor. Die Umkehrung von DJ Paul’s & Juicy J’s »Break a Hoe« gerät zu einem großartigen Representer-Track, der Kitty gefühlt in die 2000er zurückkatapultiert und sie wie zu besten Aggro-Zeiten spitten lässt.

Über abwechslungsreiche klangliche High- (»Dior Sauvage«) und Lowlights (»Heute nicht«) geht es auf die drei größten Tracks der Platte zu. Der einzige Kritikpunkt am Titeltrack »Bitches brauchen Rap« ist vielleicht die Länge, denn so wie sie hier einerseits austeilt und andererseits ihre Hinter- und Antriebsgründe in voller Transparenz darstellt, hätte es gerne auch noch einen dritten und vierten Part geben dürfen.

Dem Wunsch entspricht sie auf den beiden letzten Tracks »Schlechtes Vorbild« und insbesondere aber »Bramfeld Storys« direkt im Anschluss. Legt »Schlechtes Vorbild« noch den Fokus auf die Perspektive der (meist jungen) Fans, die Shirin in Massen um sich geschart hat und die auch durch sie gänzlich neue Rollenbilder haben als Generationen zuvor. Welchen Impact Shirin dabei schon jetzt in ihren weniger als zehn Jahren im Spotlight hat, davon erzählt dieser Track. »Bramfeld Storys« ist dagegen eine reine Ich-Erzählung und gibt tiefen Einblick in ihren Werdegang. Es gibt sicherlich andere Rapper*innen, die bedeutend schwerere Ausgangslagen hatten, aber wer ist man schon, um das alles gegeneinander abzuwiegen. Fest steht, dass sie Female Rap in Deutschland gerade entschieden mitprägt und dabei als eine der reflektiertesten Künstler*innen sehr genau weiß, dass sie dabei über die Grenzen der Musik hinaus wirkt und eine große Anzahl an jungen Menschen formt.

Umso besser, dass sie das alles mit Haltung, Aufrichtigkeit, Transparenz und spätestens mit diesem Album auch noch mit richtig guten Rapskills tut.