Der Sommer ist offiziell vorbei und der Herbst hat begonnen. Das heißt wir brauchen jetzt offiziell keine Ausreden mehr Verabredungen abzusagen um neue Musik zu hören, sondern können es einfach aufs Wetter schieben. Hier sind ein paar Alben für die es sich lohnt zuhause zu bleiben um vor den Boxen zu liegen.
Wa22ermann – KNAX

Sauber ausgeführte Debütalben in Zeiten, wo Artists praktisch nur noch über einen gefühlt endlosen Stream an alle paar Wochen erscheinenden Singles und vielleicht mal einer EP zu Format heranwachsen sind eine Seltenheit geworden.
Ziemlich genau fünf Jahre nach ihrem ersten offiziell veröffentlichten Song »Salsa« ist Wa22ermann längst eine Institution in der derzeitig bestimmenden Welle an Deutschrapper*innen; Singles wie »Maybachufer« oder »Blaurot« mit Apsilon stehen stellvertretend für das Lebensgefühl einer ganzen Generation.
Und trotzdem hat diese Aneinanderreihung von Singles über die Jahre dazu geführt, dass man zwar ein Mosaik von dem Menschen hinter der ikonischen großen schwarzen Sonnenbrille erahnen konnte – aber eben noch keine zusammenhängende Geschichte. Dass diese Geschichte nicht die sorgenloseste aller Erzählungen ist, das schien schon immer durch. Dass die heute 27-jährige mit neun Jahren aus Pakistan nach Deutschland kam, einen schwer kranken Bruder im Charité liegen hatte und in den letzten Jahren durch das Rappen zum Teil das traditionelle Weltbild ihrer Familie vor den Kopf stieß und damit verlor – das schien bei so manchen vibigen Songs der Vergangenheit nicht immer durch.
Der Albumtitel »KNAX« ist dementsprechend sehr On-The-Nose: dieses Album ist finster, dieses Album erzählt von Schlaflosigkeit und innerer Leere und dieses Album eröffnet damit, dass Wa22ermann ihre besten Tracks schrieb, als sie nicht mehr existieren wollte. Das geht unter die Haut, hallt nach – erst recht mit den bislang düstersten Beats ihrer Karriere wie auf »Dreck« oder »Frieren«- und fügt sich nahtlos zu einem großen Gesamtbild der Berlinerin zusammen, das sich durch ihr Debütalbum Schritt für Schritt nach außen schält.
Matthi Hilge
Ramzey – Die ewigen Jagdgründe

“Echtes erkennt echtes und ein Biest erkennt ein Biest” heißt es in der Single »Sensenmann« und es scheint so das wir echte Biester sind. Mit den drei ersten Singles haben Ramzey und Produzent Yaze die Messlatte verdammt hoch gehalten und es trotzdem geschafft das wirklich jeder Song sitzt und unsere Erwartungen sogar übertroffen wurden.
Das Album startet mit (in der Sprache der coolen kidz) absoluten Brettern von Songs, verbunden werden alle durch die Skits in denen uns Ramzey von seiner Wanderungen durch den Wald erzählt. Wir lernen dort den Jungen Stephan kennen und er erzählt uns von der Truppe. Am Anfang sind wir uns ziemlich sicher das wir genau vor dieser fliehen müssen. Von der Truppe geht scheinbar die Gefahr aus und dementsprechend pushen auch die Songs. Das alles ändert sich dann mit »Stephan (Skit)«, es ist der Wendepunkt des Albums und wir lernen das wir nicht vor der Truppe davon rennen, sondern vor den Monstern zuhause.
Die Truppe sind unsere Freunde und unsere Ersatzfamilie die uns auffangen wenn alles andere zu schwer wird. Der Übergang zum Track »Monster« jagt uns einen wortwirklichen Schauer über den ganzen Körper. Die Truppe versucht unserem verloren gegangenem Kind (á la das Kind in dir muss Heimat finden) den weg nach Hause zu zeigen: “Ich hab Heimweh, aber weiß nicht mehr wo mein zuhause ist” heißt es auf »Sonntag«.
Ramzey und Yaze haben ein Konzeptalbum geschaffen auf den eine sehr gekonnte Balance herrscht zwischen den Höhen des Lebens die man mit der Truppe erlebt und den Abgründen vor denen wir fliehen. Es werden Themen wie Tod von geliebten Menschen, Missbrauch, Wut, Einsamkeit und Suizidgedanken auf »Die ewigen Jagdgründe« verarbeitet, das ist nicht immer einfach zuhören aber es fühlt sich an als würde uns Stephan an der Hand halten und sicher begleiten. Wir haben nach den letzten Projekten der beiden »COBALT« und »Jiggos weinen nicht« wirklich einige Hoffnung in die beiden gesteckt und das neue Album wird ziemlich sicher nicht nur bei uns noch lange nachhallen.
Hannah Wietbrock
Olafur Mowa – Post Internet Era

Olafur Mowa, zuvor Teil der Gigi Blow Cooperation, zieht einen mit seinem Solodebüts auf Anhieb in seinen Bann. Mit rotziger DIY-Attitüde tobt er sich auf 13 Songs bei 34 Minuten Spieldauer wild und frei aus. Manche Songs klingen skizzenartig, andere nach ausproduzierten Indie-Hits von internationaler Tragweite. Mowa bewegt sich in diesem Spektrum – gemeinsam mit Donkey Kid, der maßgeblich an der Produktion beteiligt war – frei nach dem Motto fuck around and find out.
Durch diffuse, gitarrenlastige Soundbilder hallen assoziative Lyrics, die mit ihrer nahbaren Bildsprache und Mowas gefühlsgeladener Performance stimmig zur gesamten Atmosphäre beitragen. Akustische Parts droppen in treibende digitale Drums, ein Piano-Interlude fügt sich ebenso organisch ein, wie eine elektrisierende Bassline, noisy Glitches oder Übersteuerung. Das Projekt versteht sich eben nicht als anti-, sondern als post-digital und fängt diesen Zeitgeist gelungen ein. Gerade die Ecken und Kanten, die reibenden und fragmentarischen Momente, stehen dem Album sehr gut und sorgen für einen hohen Replay-Value – insbesondere, da sie punktuell immer wieder durch sanfte Passagen kontrastiert werden.
»Post Internet Era« ist ein Gefühl als Konzept. Es ist Orientierungssuche als 20-Something in einer Großstadt. Es ist Größenwahn und Verletzlichkeit, Nostalgie und Existenzialismus, Rausch und Entschleunigung. Es ist eine laue Dämmerung, eine durchzechte Nacht, ein kühler Morgen und eine absolute Hörempfehlung.
Magnus Menzer




