Soundcheck: Joey Bada$$- 2000
Cover via Pro Era / Cinematic Music Group / Columbia Records / Sony Music

Joey Bada$$ – 2000 // REVIEW

Etwas mehr als zehn Jahre ist es her, dass Joey Bada$$ als gerade mal 17-Jähriger mit seinem Mixtape »1999« die Hip-Hop Welt euphorisierte. Ein so junger Rapper, der direkt aus den 90ern entflohen zu sein scheint und diesen Oldschool-Vibe wie kaum jemand anderes in Verbindung mit der jetzigen Zeit setzt? Nicht wenige stellten bereits dort schon vorsichtige Vergleiche zu Legenden wie Nas auf, der seinerzeit mit »Illmatic« ’94 ähnlich jung seine eigene Messlatte hoch hing.

Seitdem ist viel passiert und Joey Bada$$ hat mit den hochkarätigen Follow-Up Alben »B4.DA.$$« (lies hier unseren Staff Pick) und »ALL-AMERIKKKAN BADA$$« eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass seine Vorschusslorbeeren damals nicht zu früh gekommen sind. Nebenher hat sich der Brooklyner aber auch immer mehr dem Schauspiel verschrieben und ist über Rollen bei Mr. Robot oder Two Distant Strangers immer tiefer in die Filmwelt gerutscht – mit letzterem gewann er 2021 gar einen Oscar. Das letzte richtige Album lag dagegen schon wieder beinahe fünf Jahre zurück und Fans bekamen langsam aber sicher Angst, dass Joey nur noch den Schauspielpfad einschlagen würde.

Dass diese Sorge unbegründet ist, hat sich spätestens am vergangenen Freitag herausgestellt, denn pünktlich zum Jubiläum seines Durchbruch-Mixtapes hat Joey sein drittes Album »2000« veröffentlicht. Nicht nur der Titel weckt einige Erinnerungen an sein Debüt, auch vorab releaste Singles wie »Where I Belong« oder »Zipcodes« haben die Schnittstelle aus Oldschool-Vibes und modernen Klängen erneut getroffen.

Es scheint ganz so, als ob sich Joey fest vorgenommen hat, sein Comeback-Album zu einem denkwürdigen zu machen. Und direkt in seiner ersten Zeile im Introtrack »The Baddest« unterstreicht er diesen Gedanken, wenn er seine Fünf-Jahres-Pause damit begründet, dass seine Musik sowieso zeitlos sei. Auf dem selben Song zieht er auch den gerne genutzten Vergleich zwischen sich, Kendrick Lamar und J. Cole, um festzuhalten: “Who the best emcees? Kenny, Joey and Cole
The holy trinity, it’s that 95 Till Infinity energy”. Und egal, ob man dem zustimmt oder nicht: Joey macht von Sekunde Eins an klar, dass sein Selbstbewusstsein über die Pause nicht wirklich kleiner geworden ist.

Dass er sich in Diddy einen der ganz großen Hip-Hop Namen für seine Introduction geholt hat, lässt die Messlatte für das Album nicht unbedingt niedriger werden. Der Bad Boy Records-Gründer richtet einige Worte an seinen Two Distant Strangers-Kollegen und setzt den Rahmen für die folgenden Tracks. Später auf dem Album wird auch der viel verglichene Nas noch einige Worte in Richtung Joey sprechen und spätestens ab diesem Full Circle-Moment ist klar, welchen Status der 27-Jährige alleine im Rap-Olymp innehat.

Nun muss er nur auch noch liefern, bei all den Bekundungen und Statements, die er selber und andere für ihn aussprechen. Das scheint ihm aber nicht allzu schwer zu fallen. Auf das angesprochene »The Baddest« folgt mit »Make Me Feel« ein Joey-Track wie aus dem Textbuch. Sein Bread-and-Butter Produzent Statik Selektah, der an sechs von 14 Tracks (haupt)beteiligt ist, liefert ein wunderschönes Instrumental auf Basis von Stephanie Mills‘ »Something In The Way«, das der Brooklyner schließlich mit seinen Verses veredelt. Auch die Single »Where I Belong« und das Westside Gunn-Feature »Brand New 911« geraten den Erwartungen mehr als entsprechend. Letzteres ist wohl die logische Fortsetzung und Revanche von Joeys Part auf Gunns »327« aus dem April 2020. Dass sie sich trotz ihrer höchst unterschiedlichen Arten zu rappen erstaunlich gut ergänzen, zeigt sich auch hier erneut.

Über das smoothe, sommerliche und geradezu zum entspannten Autofahren verleitende »Cruise Control« samt des angesprochenen Nas Interludes geht es auf »2000« in den etwas abfallenden Mittelteil – und damit zum ersten Mal zu Songs, die diesen (eigenen) Anspruch auf Klassikeralbum nicht ganz so mittragen können, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte. Die vorab ausgekoppelte Single »Zipcodes«, der sechste Track »Eulogy« und das Larry June-Feature »One Of Us« gliedern sich zwar allesamt brav in den Albumflow ein, wirken dann aber doch unspannender als sie es hätten sein müssen. Der R’n’B-Song »Welcome Back« samt den beiden Genrevertretern Chris Brown & Capella Grey setzt dieser Passage schließlich die Krone auf und wirkt dabei im Gegensatz zu seinen Vorgängern sogar noch richtig deplatziert, denn dieser plötzliche Wandel in Richtung lüsternes Bettgeflüster passt eigentlich so gar nicht zu dem Rest des Albums.

Gottseidank wandelt sich dieser Eindruck von einem abflachenden Album ab dem nächsten Track wieder um 180 Grad, denn mit »Show Me« kommt im Anschluss der vielleicht stärkste Track des gesamten Albums und läutet einen allgemein starken Schlussteil ein. Das Men I Trust-Sample, aufbereitet von Statik und Heavy Mellow, leistet ganze Arbeit und lässt Joey den nötigen Raum, um seine Weisheiten zu verbreiten. Auf »Wanna Be Loved«, wo sich Joey und Dreamville-Featuregast J.I.D gegenseitig mit Smoothness übertrumpfen, folgen die drei letzten Songs des Albums, die für einen ruhigen bis hochemotionalen Abschluss von »2000« sorgen. »Head High«, das als erste Albumsingle samt großartigem COLORS-Video ausgekoppelt wurde, besticht vor alle durch seine unaufgeregte Erzählweise.

Mit »Survivors Guilt« ändert sich die Unaufgeregtheit dann schlagartig in große Gefühle, denn Joeys verstorbener Kindheitsfreund, Pro Era-Mitbegründer und maßgeblich an »1999« beteiligte Capital Steez erhält hier seinen Tribut.

And that right there is my internal war
The reason why I got to feel these external flaws
The reason why I can’t heal this eternal loss
The reason why I gotta feel this survivors remorse

Zeilen wie diese gehen unter die Haut. So schonungslos über den Todes eines besten Freundes und seine eigene Rolle darin zu sprechen, ist schon besonders. Was auffällt in dem Zusammenhang: Bis auf diesen Song und Kirk Kight an einem Beat gibt es keine Pro Era Beteiligung auf diesem Album. Kein CJ Fly Feature, kein Nyck Caution Part. Ob es ein Statement sein soll oder nur aus Zufällen so geworden ist, es zeigt doch: In in den zehn Jahren seit »1999« hat sich einiges geändert in der Welt des Joey Bada$$.

Abgeschlossen wird das Album durch das fünfminütige Outro »Written In The Stars«. Diddy schaltet sich wie schon auf dem Intro erneut ein und spielt den Hypeman für Joey, der anschließend seine Karriere Revue passieren lässt. Untermalt von sanften Streicherklängen und jazzigen Drums schließt er den Kreis zum Intro und hält am eigenen Anspruch an seinen Status im Rapgame fest.

Wird es das Klassiker-Album, das bei der langen Pause und dem vielaussagenden Albumtitel insgeheim vielleicht erwartet wurde? Dafür sind es vielleicht doch ein, zwei Ungereimtheiten zu viel in der Tracklist aber es ist ohne Zweifel ein großartiges Album, von dem sich mit Sicherheit die Mehrheit der Songs in vielen Playlists wiederfinden lassen – ganz besonders in den klassischen Autofahren-Im-Sommer-Playlists. Und genau das scheint auch eins der Ziele von ihm selber gewesen zu sein, ungeachtet der Erwartungen von Fans und Kritiker*innen. In einem AmA erklärt er:

I wanted to have fun doing what I do best. Didn’t want to make this one too concept heavy just great music from a great artist. Summertime NY real rap SHIT. Just like how it was in the beginning

Und das ist ihm ohne Frage gelungen! Jetzt darf es nach Möglichkeit nur nicht mehr weitere zehn Jahre dauern, bis »2001« erscheint – auch wenn dieser Albumtitel natürlich schon etwas belegt ist.