Der Titel gibt ja schon einiges vorweg, aber wie würdest du in eigenen Worten beschreiben, was die Grundidee der EP ist, auch in Abgrenzung zum Vorgänger »arizona 2012«?
In der EP geht es im Großen und Ganzen um Trennungen und das nicht nur im romantischen Kontext, sondern auch Trennung von Freundschaften und Trennung von sich selbst, also wenn man sich ein bisschen verliert. Dazu kamen dann meine Sad-Baddie-Features, die ja auch alle vereint, dass sie gut darin sind, traurige Songs zu machen. Ein paar von den Songs sind auch in der Zeit entstanden, in der »arizona 2012« entstanden ist. Aber ich wollte das bewusst aufteilen, weil »Arizona« sich für mich wie ein Sommerprojekt angefühlt hat – und »sad baddie anthem« gehört in die kalte Jahreszeit.
1. »denk drüber nach« (mit hidden Feature)
Feature? Nö, das bin ja alles ich. (lacht) Also »denk drüber nach« ist ein Song, in dem es um eine beste Freundschaft geht. Genauer gesagt um eine beste Freundinnenschaft, die immer schon existiert, mit der man wahnsinnig viel erlebt hat, sowohl Gutes als auch Schlechtes, die sich im Älterwerden zwar verläuft – weil es schwieriger wird, sich regelmäßig zu sehen – die im Kern aber trotzdem noch bestehen bleibt. Dafür habe ich eine gute Musikfreundin gefragt, ob sie nicht zwei Zeilen singen möchte. Der Name wird nicht bekannt gegeben. Aber sie hat mir die Ehre erwiesen und diese Zeilen gesungen, weil sie den Song auch sehr gefühlt hat.
Wir haben beide geweint, auch wenn nur eine müsste.
Ich hatte das Gefühl, dass der Song über diese Freundschaft den Rahmen dafür setzt, dass das »sad baddie anthem«-Motiv auch sehr viel mit Solidarität unter „sad baddies” zu tun hat, die du dann wiederum musikalisch zusammenbringst.

Ja voll! Das war mir auch wichtig im Prozess. Ich habe mich viel mit meinen Girls ausgetauscht und mit anderen Musikerinnen. Es war sehr schön, mit vielen Frauen zu arbeiten. Meine A&R zum Beispiel, die auch viel mitgewirkt, zum Beispiel das Cover und mit mir Social-Media-Pläne erstellt hat, die ist selbst auch eine „sad baddie”.
2. »sex and the city«
»sex and the city« ist ja der einzige Song, der keine Single war und der ist recht spontan entstanden. Ich war in einer Songwriting-Session mit einem Musiker, der dann früher gehen musste, bin mit dem Produzenten Markus Wilfinger noch im Studio geblieben und dann haben wir einfach diesen Song gemacht. Also es hat sich irgendwie richtig schön ergeben. Ich habe schon ein paar Erinnerungen von mir selbst einfließen lassen, aber eigentlich ist es eher die Geschichte einer fiktiven Person, die daheim rottet in Depression und nichts macht, was eigentlich gut für sie ist, außer Sex and the City zu schauen. Für mich war die Hook so ein Bild davon, dass man sich in dieser Leere, damit man wenigstens irgendwas spürt, einen Bootycall anruft, wo wieder etwas aufflammt, aber gleich wieder weg ist und dann geht der ganze Loop von vorne los. Diese Spirale von sich selbst verlieren und sich selbst ablenken – das ist für mich die Geschichte, die »sex and the city« erzählen soll. Das ist der Song, den ich vorhin meinte, als ich von der „Trennung von sich selbst” gesprochen habe.
Wo du gerade Markus Wilfinger erwähnt hast, kannst du uns vielleicht einen Abriss geben, mit welchen Produzenten du in der Entstehung der EP zusammengearbeitet hast?
Bei den meisten Songs hatte Hnnzy seine Finger im Spiel, weil ich mit ihm jetzt ein gemeinsames Studio habe. Seit der »arizona 2012«-EP ist er ein fester Bestandteil meines Teams und hilft mir viel, zum Beispiel was die Sound-Ästhetik betrifft. Er war übrigens auch der Namensgeber der EP.
Insgesamt sind eigentlich alle, die an der EP beteiligt sind, gute Friends von mir, mit denen ich auch schon davor zusammengearbeitet habe. Es war schon alles so in einem Kreis und es ist alles in Wien entstanden.
3. »besser so«
Bei »besser so« war Luna in Wien und hat mich gefragt, ob wir nicht einen Tag lang Musik machen wollen. Und ich habe mir gedacht: „Unbedingt!” Wir kannten uns schon von einem Songwriting-Camp und hatten uns da voll gut verstanden. Dann haben wir nach einem gemeinsamen Nenner gesucht, worüber wir schreiben könnten – nicht dass man den zwingend braucht, aber es ist halt schon cool für so einen gemeinsamen Song. Dann sind wir auf das Thema gekommen, dass wir beide, bevor wir Musik gemacht haben, beste Freundinnen hatten, die irgendwann nicht mehr so gut damit umgehen konnten, dass wir jetzt auch in dieser anderen Szene stattfinden, die sie irgendwie nicht verstehen. Das ist ziemlich toxic geworden und hat die Freundschaft sehr anstrengend und stressig gemacht. Außerdem war es bei uns beiden so, dass sich die Freundinnen jeweils noch voll an dieser Freundschaft, wie sie davor war, festgeklammert haben und uns basically gesagt haben, dieser Beruf tue uns nicht gut. Dann sind wir beide zum gleichen Fazit gekommen: Es ist ja jetzt viel besser so. Der Freundin tut es nicht gut, wenn sie sich die ganze Zeit darüber ärgert, was wir machen. Und uns tut es nicht gut, wenn uns die ganze Zeit irgendjemand sagt, dass das kein gutes Umfeld ist.

Long story short: Wir haben den Song dann Wort für Wort gemeinsam geschrieben und damit ist »besser so« entstanden. Kurz gefasst geht es darum, dass Freundschaften sich verlaufen dürfen und dass genau das manchmal auch wichtig ist, wenn man nicht in die gleiche Richtung geht.
Hast du das Gefühl, dass die ganze EP so einen heilsam positiven Grundgedanken verkörpert, auch wenn es eigentlich im ersten Eindruck traurige Songs sind?
Ja, ich finde schon. Ich finde genau dafür das Wort »sad baddie« so passend. Traurigkeit macht einen manchmal ein bisschen schwach. Wenn man traurig ist oder enttäuscht wird, dann wird man kleiner. Aber als Baddie hat man dann trotzdem diese Wut. Die wiederum macht einen viel stärker, wenn man so sauer auf irgendwas reinkommt. Eine »sad baddie« zu sein meint dann das Selbstverständnis: „Hey, wir sind gerade traurig, aber wir sind Baddies, deswegen kriegen wir das schon hin!”
4. »mein zimmer«
Hier war das Writing ähnlich wie bei Luna, dass wir uns überlegt haben, was uns gerade so beschäftigt und durch den Kopf schwebt. Dann sind wir im Gespräch auf ein Thema gekommen, dass man sich irgendwie manchmal, wenn man in so eine Limerence verfällt, in eine Obsession mit einem Crush, dass man sich teilweise ungewollt total für die Person verändert – dass man dann zum Beispiel sein Zimmer so einrichtet, wie es die Person mögen könnte. Und dass man sich durch diesen riesigen, intensiven Crush selbst voll verliert und gar nicht mehr weiß, wer man ist, was man möchte und ob es das überhaupt wert ist. Dann haben wir auch hier jedes Wort zusammengeschrieben und es war insgesamt ein sehr besonderer Writing-Prozess. Wir waren sicher so zehn Stunden im Studio, Domiziana hat uns Tarot gelegt und wir haben Tee getrunken – richtig healing irgendwie. Es sind sogar Tränen geflossen während der Session und es war einfach total schön. Wir waren zu viert, mit Hnnzy und Johannes Madl, und alle waren ganz beseelt am Ende, als der Song fertig war.
5. »people pleaser«
Ja, »People Pleaser«, das bin ich nun mal. Ich glaube, das ist der älteste Song von der EP. Den haben wir immer wieder neu gemacht, gemeinsam mit Food for Thought, weil ich nicht ganz zufrieden war und das ist jetzt die neueste Version. Aber die Idee von People Pleaser steht auf jeden Fall schon sehr lange. Das war in einer Zeit, in der ich gemerkt habe: Ich mache Dinge viel lieber für andere als für mich selbst. Seitdem ich das gelernt habe, ist es besser geworden. Aber damals konnte ich sehr gut aus dieser extremen People-Pleaser-Perspektive schreiben, weil ich es so gut von mir kenne, dass man Dinge für andere macht, anstatt für sich selbst. Der Song soll dafür so ein Wake-up-Call sein.
Für dich selbst oder für andere People-Pleaser?
Für andere, dass sie sich beim Hören selbst ertappt fühlen.
Hast du dann auch Feedback bekommen, dass Leute sich darin wiedergefunden haben?
Ja, sehr viel. Sehr viele Girls, wirklich hauptsächlich Frauen eigentlich. Ich weiß nicht, was das aussagt. Aber auf jeden Fall haben sich viele wiedergesehen in dem Text.
5. »sad baddie anthem«
»sad baddie anthem« hatte auch einen sehr schönen Entstehungsprozess. Das war bei einem Songwriting Camp, wo wir Hnnzy spontan mitgenommen haben, weil ein anderer Produzent ausgefallen ist. Es war der erste Tag des Camps, am Attersee im Mai, also richtig idyllisch. Wir hatten unabhängig voneinander Sessions mit anderen Leuten, die so um 10 am Abend vorbei waren. Und dann haben wir gesagt, irgendwie müssen wir jetzt noch was gemeinsam machen. In dieser Nacht ist »sad baddie anthem« entstanden, innerhalb von drei Stunden. Wenn Songs so schnell entstehen, fühlt sich das immer ganz richtig an. Es war so ein Song, den man nach der Session in Dauerschleife anhört, weil man irgendwie noch gar nichts checkt, was man da gerade gemacht hat. Es geht um gefühlt alle meine Ex-Romanzen und Ex-Beziehungen zusammengefasst als eine Person und darum, zu erkennen, wo ich besseres verdient habe. Und dass es auch okay ist, sowas mal durchzumachen, weil ich im Endeffekt, also durch toxische Beziehungen gelernt habe, wo ich meine Bar setzen möchte. My bar is high! Jetzt kriege ich nur noch Princess Treatment. Das soll andere ermutigen, sie auch hoch anzusetzen.

Ich finde der Song ist so besonders, weil er sehr explizit auf meine Situation geschrieben ist, aber mir trotzdem so viele Leute geschrieben haben, dass sie damit relaten können. Zum Beispiel die Zeile: „Und was du ihr gibst, hast du alles erst von mir gelernt / Wie du sie glücklich machst, bei mir fiel dir das viel zu schwer.” Da haben mir so viele Leute geschrieben, dass sie den Tränen nahe waren.
Was ich auch sehr gerne mag, ist, dass wir in keiner Sekunde überlegt haben, ob wir da einen Drop einbauen oder Drums. Es war von Anfang an ganz wichtig, dass ganz wenig passiert und Stimme und Text im Vordergrund sind. Mit diesem Song war uns klar, wir müssen eine »sad baddie anthem«-EP machen, weil das der Vibe ist, den wir jetzt fahren wollen.
»denkt drüber nach« und »sad baddie anthem« sind auch in der gleichen Woche entstanden. Stilistisch passen sie auch gut zusammen, gerade die beiden Beats. Es war auch lange die Überlegung, ob das ein Doppel-Release wird, dass es nur diese zwei Songs gibt.
Ich finde es spannend, dass du meintest, die toxischen Erfahrungen haben für dich dafür gesorgt, dass deine Erwartungen hoch sind. Ist das nicht ein bisschen kontraintuitiv? Es ist doch oft so, dass Leute eher gegenteilig konditioniert werden und sich dann schon mit dem Minimum zufriedengeben.
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, das ist mir auch passiert. Aber es wurde immer gesünder. Ich war auch länger in einer Beziehung, wo ich dann gemerkt habe, eigentlich tut es nicht so gut. Und ich glaube, daraus lernt man viel darüber zu reden und sich selbst klar zu werden: Wie will ich eigentlich behandelt werden? Wie hätte ich gern, dass meine zukünftige Tochter behandelt wird? Oder wenn ich zum Beispiel sehe, wie meine besten Freundinnen behandelt werden, die eine hat einen Freund, der nicht gut zu ihr ist und ich bin sauer, und die andere hat einen Freund, der sie vergöttert und ich denke mir: Ja, genau so soll es sein. Das hat alles dazu beigetragen, dass man daraus lernt und am Ende die Bar höher stellt.
Am Ende ist der Titelsong tatsächlich die Essenz der EP, oder? Es schwingt diese Traurigkeit mit – das Nachdenkliche, der Rückblick, was schiefgelaufen ist – aber du gehst stärker daraus hervor und ownst es, indem du sagen kannst, dass du das Beste daraus gemacht hast.
Genau! Ich habe auch die Zeile, dass „ich dafür Applaus krieg’.” Einerseits weil meine Freundinnen, mein Umfeld und auch ich selber damals sehr dankbar für die Trennung waren – andererseits aber auch weil ich so viele Songs daraus geschrieben habe, für die bei Konzerten Applaus bekomme.
Hätte vor paar Jahr’n noch keiner gеdacht
Dass es irgendwann aus ist
Und ich dafür Applaus krieg’
Hast du das Gefühl, mit der EP ist das »sad baddie«-Thema erstmal abgeschlossen?
Es schwebt auf jeden Fall gerade ein sehr prägnanter Song im Raum, der eine neue Richtung vorgibt. Das Stichwort lautet „Veri-Victory-Music”. Mehr werde ich dazu gerade noch nicht sagen. Aber es wird Spaß machen!



