Die Alben des Monats | März 2026

Gleich drei Alben – und besonders ihre Titel – haben uns im März gecatcht: Newcomerin Vasil veröffentlichte endlich ihr Debütalbum »Krähen reden nicht«, grim104 lieferte mit »No Country For Old Grim« erneut ab und zu guter Letzt bekamen wir dann auch noch Ende des Monats die B-Seite zu Dissy’s Album »morgen werde ich mich dafür hassen«.

Vasil – Krähen reden nicht

Alben des Monats: Vasil
Vasil – »Krähen reden nicht«

Vasils Debüt-Tape »Krähen reden nicht« klingt wie der Prolog zu einem Klassiker. Schon die pure Dringlichkeit in ihrer Stimme erzeugt Gänsehaut, die zugehörigen Lyrics geben diesem Bauchgefühl Bestätigung.

Vasil liefert die längst überfällige weibliche Perspektive einer bis dato männlich dominierten Sparte im deutschen Rap. Mit klarer Vision und mitreißenden Flows fährt sie ihren eigenen Film – punktuell fühlt man sich an OG Keemo, Apsilon oder auch Ramzey erinnert.

Einerseits ist es diese roughe, schwarz-weiße Straßenästhetik in Videos und Texten, andererseits die Tatsache, dass Vasil schlichtweg Aura und eine Menge zu sagen hat. Beobachtungen und Erfahrungsberichte gehen fließend in Systemkritik über. Ungeschönt – wenn auch mitunter bildmalerisch – schildert sie fatale Zustände vom Aufwachsen am Rand der Stadt, am Rand der Gesellschaft, von Armut und Scham, post-sowjetischer Diaspora, Marginalisierung, Perspektivlosigkeit und Drogen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt, mit welcher Energie und Authentizität sie diese Darstellungen ownt – abgehärtet und trotzdem gefühlsbetont, schmerzvoll, aber siegessicher und immer solidarisch.

Die facettenreichen Produktionen von Too Young (dessen stimmiger Featurepart auf »400 Homies« der einzige bleibt) verleihen ihren unterschiedlichen Modi die passenden Farben. Mühelos flext sie darauf mit ihrer Vielseitigkeit – ob gefühlvoll auf »Stille Post«, angriffslustig auf »Money Moves« oder laidback auf »Mama ich werde Rapperin«.

»Krähen reden nicht« hat viele Highlights, keinen Skip und einen enormen Replay-Value. Wir wollen mehr!

Magnus Menzer

grim104 – No Country For Old Grim

Alben des Monats: grim104
grim104 – »No Country For Old Grim«

Es ist schon verwunderlich, wie grim104 es ausnahmslos mit jedem Album aufs Neue schafft, die Tristesse, die Wut, die Resignation der Alltags- und Gesellschaftsbeobachtungen in einen Guss zu kippen und diese Mixtur dann immer und immer wieder kurzweilig zu halten. So geschehen auch auf seinem nunmehr fünftes Soloalbum »No Country For Old Grim«, das er inmitten einer scheins zum Tollhaus gewordenen Weltlage veröffentlicht. Staatsoberhäupte, die sich im Abschieben gegenseitig überbieten wollen, millionenseitige Akten über reiche Pädophile und Ehemänner mit niederen Absichten: Nichts scheint mehr unmöglich zu sein, die Welt völlig aus den Fugen geraten.

Doch grims große Stärke ist, die Welttristesse vom Großen aufs Kleine zu übertragen und aus den provinziellen Beobachtungen ganze Storyteller zu formen. Wo man sich noch beim Griechen besäuft, wo Hundehalter auf radfahrende Kleinkinder treffen, wo man vom Dorffest taumelt, da schaut die eine Zugezogen Maskulin-Hälfte aber ganz genau hin. Kaum jemand fängt diese Momente so grandios ein wie der im Kaff Zetel großgewordene Rapper. Mit durchschneidender, fast anklagender Stimme fräst grim sich durch die 14 Tracks seines neuen Albums und hinterlässt nur diese eine Frage: Wie rührt er seine Mixtur das nächste Mal an?

Matthi Hilge

Dissy – morgen werde ich mich dafür hassen (side b)

Dissy – »morgen werde ich mich dafür hassen (side b)«

In klassischer Vinyl-Manier vervollständigte dissy im März »morgen werde ich mich dafür hassen« neun Monate später mit der zugehörigen B-Seite. Während die A-Seite noch einen positiveren, vom Draufgängertum durchzogenen Unterton hatte, verschiebt sich auf dem Pendant alles ein Stück weiter in die Düsternis. Grunge-Gitarren und sporadische Synths treffen hier sowohl auf pulsierende Trap-Bässe wie auch ein Wiegenlied auf »korsak«.

Die vorherige Ekstase wird (mit kleinen Ausnahmen) thematisch von einem drückenden Schuldgefühl abgelöst. Auf Songs wie »insekt«, »gewehr« mit Fatoni und »acid« mit Drama Kuba und Rokko Weissensee zeichnet der Wahl-Berliner ein dystopisches Weltbild, geprägt vom Nihilismus. Mit ironischem Subtext appelliert dissy daran bloß nicht die Augen vor globalen Missständen zu verschließen und zur Tat zu schreiten. Irgendwann ist es schließlich doch zu spät.

Im intendierten Albumkontext liefert die B-Seite das passende Gegenstück zum Titel. Auf den nächtlichen Rausch folgt die morgendliche Reflexion die schlussendlich im Selbsthass mündet.

Michail Weiss