Brockhampton – The Family & TM // REVIEW

Als Kollektiv von +-13 Mitgliedern durch einen Aufruf in einem Kanye West Forum gegründet, hat sich Brockhampton spätestens 2017 mit der »SATURATION«-Trilogie als spiritueller Nachfolger von Odd Future im alternativen und experimentellen Hip-Hop bewiesen. Mit eben dieser ursprünglichen Leichtigkeit wurden direkt drei Alben innerhalb eines Jahres herausgebracht – thematisch weitreichend, etwas verspielt und an den richtigen Stellen doch sehr seriös mit freundschaftlich, familiärer Verbundenheit. Fünf Jahre und fünf Alben später erscheint das finale Release. Angekündigt war zwar nur ein Album, stattdessen gab es in unvorhersehbarer Brockhampton-Manier direkt zwei Werke innerhalb von 24 Stunden.

Innerhalb dieser 5 Jahre seit der »SATURATION«-Trilogie ist die ursprüngliche Leichtigkeit auf dem Weg verloren gegangen. Probleme untereinander, herausgeworfene Rapper und vieles mehr trugen zu einem langsamen Zerfall des Kollektivs bei, der nun besonders auf ersterem der beiden erschienenen Alben, »The Family«, beschrieben wird.

Auch wenn es unter dem Brockhampton Namen erschienen ist, enthält »The Family« ausschließlich Tracks mit Vocals des kreativen Kopfes der Gruppe, Kevin Abstract. Über 35 Minuten Produktion von Bearface und Boylife werden ebenjene Situationen reflektiert, die aus Kevins Sicht zum Zerfall der Gruppe beigetragen haben. Das übliche Produktionsteam um Romil Hemnani, Kiko Merley und Jabari Manwa hat auf den Instrumentals keinen Einfluss und somit gibt es dort kaum harte, Brockhampton-typische Synths als Grundlage der Beats. Viel mehr wird das Album auf frühe Kanye West-esque high-pitched Soul-Samples aufgebaut. Kevin ist klar zu verstehen und seine Stimme kaum verzerrt. Auch sein Flow erinnert an den »College Dropout«/»Late Registration«-Kanye, dennoch wird dieser Vergleich auch schnell durch Lines wie: „[…] after sucking good d*ck on a Sunday morning“ unterbunden, denn Kevin thematisiert auch weiterhin offen auf diesem Album seine Homosexualität.

Inhaltlich wird allerdings größtenteils reflektiert – dieses Mal weniger individuell und mehr die Beziehungen untereinander. Einfluss von Geld und Plattenverträgen auf die Freundschaft, Kommerzialisierung von privatem Leid, der Umgang mit dem Rausschmiss von Mitglied Ameer Vann und weitere Konflikte werden gegenüber von Reminiszenz der vergangenen und leichteren Zeiten in Kontrast gesetzt. Die Reflektion reicht dabei von einsichtig und entschuldigend bis frustriert und unverständnisvoll. Allgemein ist dieses Album durch die einseitige Natur der Erzählung (durch nur einen Teil der Gruppe von 13) dadurch auch in ihrer Aussagefähigkeit über die Vorgänge in der Gruppe leicht eingeschränkt.

Die stärksten Bereiche des Albums sind die sorgfältig ausgesuchten Soulsamples, allen voran Willie Hutch mit »Let Me Be The One« auf »The Ending«, die inhaltliche Stärke der Introspektive in die Gruppe durch Kevin, sowie der finale Track: »Brockhampton«. Dieser Track vereint die inhaltliche Stärke der Lyrics und Reflektion des Albums und bringt dies auf einem dramatischen Beat mit zerebraler String Section über vier Minuten zum Höhepunkt. Dabei werden auch alle Mitglieder der Gruppe einzelnd mit ihren persönlichen Stärken und Beiträgen zur Formation vorgestellt, was für einen versöhnenden und kathartischen Abschluss sorgt.

Kritikpunkt des Albums ist die kurze Länge. 17 Tracks über 35 Minuten sorgen für teilweise viel zu kurze Songs, bei denen im Inhalt nicht weit genug ausgeholt werden kann, auch wenn er über das Album hinweg kohärent ist. Das sorgt auch dafür, dass »The Family« genau das verlangt, was ein finales Album nicht ausstrahlen sollte – es ist nicht genug und man möchte mehr hören. Aber es ist eben nicht nur bei diesem Album geblieben. Völlig überraschend wurde mit Release von »The Family« ein weiteres Werk für den Abend darauf angekündigt: »TM«.

»TM« bietet das, was »The Family« nicht hat – deutlich längere und musikalisch abgeschlossene Tracks, sowie die volle Besetzung in Vocals und Produktion. Dafür ist kaum ein übergreifendes Thema erkennbar. Als Sammlung aus unveröffentlichten Werken werden hier verschiedene Zeitpunkte in der Historie von Brockhampton auf einem Projekt zusammengewürfelt. Damit sind die Tracks auch deutlich verstreuter zwischen anfänglicher Leichtigkeit und der angespannten, in der Auflösung endenden Stimmung. Bei einigen Tracks ist man sich auch nach mehrmaligem Anhören nicht über den Inhalt bewusst.

Musikalisch weichen hier Samples den athmosphärischen Synths. Die klare Stimme von Kevin aus dem ersten Release wird durch mehr kollektivtypischen Autotune und hochgepitchte Vocals ersetzt. Inhalt weicht Ästhetik und zum Wohle des Werkes wird diese Soundästhetik dennoch sehr stimmig umgesetzt. Neu auf dem Album sind insbesondere auf dem Track »Man On The Moon« zu findende Dancevibes in der Produktion. Eine four-on-the-floor Kick unterstützt dabei die Highlight-Hook des Albums und gibt dem Track eine gewisse positive Dringlichkeit.

Durch die verschiedenen Konzeptionszeitpunkte der unterschiedlichen Songs wird das Zerbrechen des Kollektivs auf »TM« kaum thematisiert – ein bisschen allerdings auf dem Closer »Goodbye«. „It’s over, I’m out” wird hier von Joba gesungen, während es zum Ende des Tracks “This ought to be the best time of our lives“ heißt. Das beschreibt wiederum gut, wie sehr sich Brockhampton als Kollektiv nicht vom Verlust der Leichtigkeit erholen konnte und den unerreichbaren alten, besten Zeiten ihres Lebens hinterherläuft. Highlights von »TM« beinhalten die zuvor angesprochenen, dezenten Dance Einflüsse in der Produktion und die Gesangseinlagen von Producer-turned-Singer, Jabari Manwa.

Im Allgemeinen bieten »The Family« und »TM« komplett unterschiedliche Einblicke in die Gruppendynamik von Brockhampton. Und es passt schon, dass »The Family« als das finale Album betitelt wird, denn schlussendlich ist es das Werk, das die Auflösung der Gruppe am ehesten thematisiert. »TM« ist hingegen eher ein Addendum; das Wegbier auf dem Heimweg nach der Tragödie im Kino, die von Kevin Abstract als Soloalbum vorgetragen wurde. Die beiden Alben ergänzen ihre Schwächen gut und doch wünscht man sich von »The Family« noch mehr Länge innerhalb der Tracks und von »TM« mehr Kohärenz. Doch wo beide Alben treffen, da treffen sie hart; zwei komplett verschiedene Ansätze zur Produktion werden jeweils geschmackvoll umgesetzt und obwohl die Alben auch zur Erfüllung des Vertrags gelten sollen, so sind es keinesfalls Wegwerfwerke, die in der Diskografie komplett untergehen.

Schlussendlich kann das Ende von Brockhampton allerdings auch neue Anfänge für die einzelnen Mitglieder schaffen, denn jede einzelne Person in der Gruppe hat das Talent dafür. Allen voran Kevin Abstract, der sich mittlerweile bereits auf drei Soloalben beweisen konnte, aber auch jeder der weiteren Rapper (Matt Champion, Merlyn Wood, Dom McLennon), Sänger (Bearface, Joba, Jabari Manwa) oder Produzent (Romil Hemnani, Kiko Merley und wieder Jabari Manwa) des Kollektivs kann problemlos in der Szene einen Namen für sich selbst machen. Und vielleicht kommt mit einem Neuanfang auch wieder eine neue Leichtigkeit für die einzelnen Mitglieder.