Track by Track: Mika Noé über seine erste EP »Therapiebericht«

Nach seinem ersten Release »Vermiss nicht mehr« im Jahr 2023 veröffentlicht Newcomer Mika Noé nun sein Debüt auf EP-Länge. Der zwanzigjährige Berliner ist weit davon entfernt, sich hinter seinen Zweifeln und Schwächen zu verstecken. Ganz im Gegenteil: In seinen Songs macht er sich genau diese Emotionen zunutze und liefert mit »Therapiebericht« einen ehrlichen ersten Einblick in seine musikalische Vision.

In einem kurzen Interview konnten wir mit Mika Noé Track-by-Track über die emotionalen und musikalischen  Hintergründe seiner ersten EP sprechen.  

1. Intro

Mika Noé: Songs wie »Halb leeres Glas« oder »Oliver« liegen schon ganz lange rum und haben nie so richtig einen Platz gefunden, weil ich Lust auf ein größeres Konzept hatte. Und das Intro ist ein Song, den ich mit Samon (Kawamura) gemacht habe, der auch hier in Kreuzberg wohnt. Und mit dem habe ich dann gedacht, es ist schön, einmal alles einzubetten. Wir haben erstmals über ein Konzept nachgedacht. Ich wollte auch, dass es mit einem Knall losgeht. Also man hätte das Intro auch bauen können, indem man sagt, wir machen die ganz ruhigen Flächen und fangen ganz leise an. Aber ich hatte Lust auf einen Startschuss… Jetzt geht es los. Jetzt erzähle ich was. Hört mal zu. Genau. Das war so der Hintergrund oder die Idee davon.

2. Therapiebericht

Mika Noé: »Therapiebericht«. Das ist ja der Name meiner EP. Ich weiß nicht… meine Dropbox ist zu groß, als dass ich nur 10 % von den Songs aufzählen könnte, die da drin sind. Es gibt ein paar Songs, oder so ein paar Themen von Songs, die doppeln sich immer. Ich habe nicht 100 verschiedene Themen im Leben. Vielleicht sind es eher so zehn, würde ich sagen. Dann hat man pro Thema acht Songs rumliegen. Und ich habe mir gedacht, ich finde es schön, wenn auf dieser EP ganz ausgewählte Themen stattfinden und es nicht inflationär ist. 

Also wir gehen nicht nur danach, was ist der „schönste“ Song, sondern für mich war es ganz wichtig, dass es thematisch irgendwie dicht ist. Und vor allem, dass aus jeder Sache, die mich berührt, ein Song dabei ist. Deswegen habe ich gedacht, ich stelle mir diese EP wie einen Therapiebericht vor. Das sind verschiedene Kapitel, Songs, in denen diese Themen stattfinden. Das wollte ich den Zuhörenden nicht einfach nur so überlassen, sondern ihnen einen kleinen Anstoß geben: Hey, das, was jetzt kommt, ist mein Therapiebericht. 

Deswegen heißt auch die erste Single »Therapiebericht«. Da besinge ich quasi die Kraft, die mir die Musik gibt, um Themen anzusprechen. Das ist wie eine Art roter Teppich, der ausgerollt wird für die vier Songs, die danach kommen. Deswegen war mir inhaltlich ganz wichtig zu sagen, wenn ihr euch meine Musik anhört, dann geht es gar nicht, zumindest mir nicht, nur um den Klang, sondern es geht auch darum, was drin ist. Das ist halt einfach meine Art, mich mitzuteilen. Also ob ihr meinen Therapiebericht lesen würdet oder ob ihr diese Mucke hört, ist schon ziemlich ähnlich, weil verdammt viel von mir drin steckt. 

Also wie eine Art zweites Intro?

Mika Noé: Ja, ein bisschen. Wie eine Art Vorbereitung auf das, was kommt. Ein Willkommenheißen.

Dieser Song ist übrigens mit Cato entstanden. Und musikalisch war es vielleicht auch ein bisschen mutig für mich. Also irgendwie auch ein neuer Step, direkt nach dem dollen Intro dann so einen R&B Track zu machen. Aber ich wollte halt thematisch, aber auch musikalisch von allem, was in mir steckt, ein bisschen was zeigen.

3. Oliver Skit & 4. Oliver

Mika Noé: Die beiden funktionieren fast nur zusammen, würde ich sagen. Das ist für mich auf jeden Fall bisher das persönlichste Lied und das, mit dem ich am meisten gehadert habe. Ich würde sagen, dass Musik ein Raum ist in dem ich mich sehr sicher fühle und eigentlich gar nicht so von Zweifeln getrieben bin. Aber das war für mich das erste Mal ein Thema, das mich natürlich sehr direkt betrifft, aber wo ich nicht von mir erzählt habe, sondern hauptsächlich von anderen Personen. Das habe ich als große Aufgabe empfunden. Denn bei dem, was ich von mir erzähle, kann ich immer selbst entscheiden, was mir zu viel ist oder auch nicht. 

Ich bin jetzt nicht zu meinem Vater gegangen und habe gesagt: Du, ich werde jetzt in der nächsten Session von dir singen, sondern in dem Moment kam das einfach und da habe ich schon gemerkt, ich trage hier gerade etwas ganz Tiefes nach außen. Etwas, worüber mein Vater gar keine Kontrolle hatte. Natürlich habe ich ihm den Song danach gezeigt und wir haben viele Stunden darüber gesprochen. Ich meine, er hat ja auch den Skit eingesprochen. Aber über die Sucht von meinem Vater zu sprechen, ist schon für mich was gewesen. Das klingt ganz komisch, aber es ist wie eine Ehre. Es war ein krasses Gefühl, eine Möglichkeit gefunden zu haben, in der Kunst davon zu sprechen. Vor allem, weil er auch so kunstbegeistert ist. Diese Geschichte nicht so inflationär auszurollen, sondern das auf eine Art zu machen, die er sehr mag und die er auch fühlen kann, war mir sehr wichtig. Es so zu erzählen, hat uns einander auch sehr nahe gebracht. Das war das Schöne daran. Also neben dem, dass ich ein Lied rausgebracht und so unsere Geschichte erzählen konnte, bin ich sehr dankbar, dass er nicht gesagt hat: Mach mal! Sondern, wenn du das machst, will ich auch ein Teil davon sein. Und dann hat er den Skit eingesprochen. Denn das ist seine Geschichte. 

Ich war 18, glaube ich, als der Song entstanden ist und in meinen Ohren höre ich mich da noch ganz anders an. Aber es war eben auch authentisch, den Song nicht noch mal neu einzusingen. Es hat echt viel Überwindung gekostet, den Song zu machen und zu veröffentlichen. Da gab es auch viele Leute, die gesagt haben, es sei sehr mutig. Deswegen ist der Song auch in der Mitte der Tracklist, denn der braucht ganz viel Vorbereitung und er braucht ganz viele Kissen um sich herum, damit er funktionieren kann.

Hast du ihn schon live gespielt?

Nein, wir haben ihn bisher nur geprobt. Aber ich bin sehr gespannt, wie es ist, die Geschichte live zu erzählen. Rein musikalisch habe ich gar nicht so krass Respekt davor, ihn live zu spielen, aber ich habe auf jeden Fall Respekt davor, den Song zu singen. Ich finde, dass live singen schon echt nochmal etwas ganz anderes ist, als Songs hochzuladen. Aber ich habe Bock drauf. Das wird ein guter Live-Song. 

5. Halb leeres Glas

Mika Noé: Bis jetzt waren es ja unterschiedliche Themen. Aber bei allen, und das ist auch jetzt wie bei dem Track »Halb leeres Glas« so, geht es um Unsicherheiten. Also noch nicht mal wirklich um große Themen, sondern echt eher um zentrale Unsicherheiten, bei denen ich denke, das wäre schon cool, die noch mal in den Griff zu bekommen. Und in diesem Fall geht es darum, zu lernen, wie man in einer romantischen Beziehung klarkommt, wenn diese sich entzaubert. Also wenn man sich nicht mehr in dieser großen Verliebtheit begegnet, sondern wenn man sich kennengelernt hat und dann irgendwie zusammen funktioniert. 

Ich weiß nicht, woher diese krasse Unsicherheit kommt. Deswegen habe ich einen Song darüber gemacht, wie man es in den Griff bekommt. Vielleicht ist es einfach nur eine Frage von Zeit. Vielleicht geht es darum, sich erstmal selbst ein bisschen besser kennenzulernen und zu checken, was man eigentlich will und was auch nicht. Es ist ein Song mit sehr vielen Fragezeichen. Für mich ist es noch nicht einmal so ein krasses Liebeslied im Sinne von, man trauert jemandem hinterher, sondern es ist eher wie eine Frage, die in den Raum geworfen wird. Wie und vor allem auch warum das alles. 

Ich schreibe eigentlich immer sehr personenbezogen und habe eine Situation im Kopf. Aber bei diesem Lied war es etwas anders. Diese Hook ist fast ein bisschen walzerartig, also so schleppend und träge. Weil es sich eher anfühlt, als würde ich mich in einer Art Trance befinden. Als wäre man nachts unterwegs und stellt sich ganz viele Fragen und bekommt keine Antwort. Ich glaube, das ist eigentlich das zentrale Bild bei dem Song. Es sind nur Fragen und Andeutungen. Dann ist der Gedanke wieder weg. 

Der Song ist auch mit Cato entstanden. Er ist so mein Balladen-Mann auf jeden Fall. Wenn es gefühlvoll wird, dann mit ihm. Das sind so die Gedanken zu dem Song. Die letzten Unsicherheiten, bevor es dann im letzten Song auf der EP hoffnungsvoll wird. Ich bin nicht nur traurig, es geht auch glücklich.

Du sprichst davon, dass jeder Song sein eigenes Thema hat, sich auch musikalisch von den jeweils anderen Tracks abhebt und doch ergibt es ein stimmiges Gesamtbild. War das von Anfang an der Plan?

Mika Noé: Es ist schon geplant, dass sich alles fügt und irgendwie zusammengehört. Aber es sind ja schon alleine, wenn man nach Genre geht, unterschiedliche Arten von Songs. Es ist schon ein Durcheinander. Aber irgendwie mochte ich, dass sich mit jedem unterschiedlichen Thema auch die Musik ändert. Es ist quasi wie verschiedene Träume, die man irgendwie nicht richtig bestimmen kann. Es kommt halt einfach. Das hat sehr viel mit Impulsen zu tun. Die Songs sind jetzt nicht in vier Tagen aneinander, in einer Session, entstanden, sondern es sind alles sehr intuitive Momente gewesen. Ich will jetzt davon erzählen. Ich mache das jetzt. Was für eine Art von Mucke das ist, das wird sich schon ergeben. Denn ich will mich jetzt mitteilen und das ist jetzt so wichtig, also scheiß drauf, ob alles zusammenpasst, ob es sich musikalisch so fügt. Ich glaube, was das Ganze zusammenhält, ist die Dringlichkeit. 

Ich habe außerdem nicht so viele Lückenfüller auf der EP. Sowohl innerhalb der Songs, aber auch innerhalb der EP gibt es jetzt keine Elemente, die ich geschrieben habe, weil ich da unbedingt etwas brauchte. Das ist die Essenz aus dem, was ich im letzten Jahr an Musik machen wollte. Das ist auf dieser EP. Es ist schön, wenn es auch bei anderen, nicht nur bei mir, so ankommt, dass die musikalischen und thematischen Unterschiede trotzdem matchen und sich nicht gegenseitig abstoßen.

Wenn du sagst, du verspürst eine Dringlichkeit und da gibt es dieses Mitteilungsbedürfnis. Von welcher Emotion wird dies am ehesten ausgelöst, welches Gefühl macht sich bei dir am stärksten bemerkbar?

Mika Noé: Negativ. Dieses Gefühl ist immer negativ. Ich sage in einer von zehn Sessions, lass mal einen Gute-Laune-Track machen. Und dann, wenn jemand sagt, lass einen Gute-Laune-Track machen, dann werde ich immer ein paar traurige Lines reinmogeln.

Und welches Gefühl genau? Ich würde sagen Verzweiflung. Ich würde noch nicht mal sagen Herzschmerz oder so. Es sind eher Emotionen wie Frust und Verzweiflung. Ich habe dann keine Ahnung, wohin damit. Das ist, als hätte ich eine Wand vor mir. Und da gibt es keinen anderen Umgang mehr mit diesen Themen. Dann ist Musik wie die letzte Reißleine. Es ist verückt, aber zu 80% kommt all das aus einem negativen Gefühl. Komisch eigentlich, dass man in dieser Situation nicht in der  Lage ist, die positiven Sachen mit auf die Reise zu nehmen. Und selbst in der positiven Phase, also in der Lebensphase, in der ich echt null überschüttet werde mit negativen Sachen, ist der letzte Gedanke vor dem Einschlafen öfter als ich will ein schlechter. Ich weiß gar nicht genau, ob man sich selbst sein Glück nicht gönnt oder ob es einfach eine ganz normale Reaktion vom Körper ist. Aber es ist das, was bleibt. Mehr als ich möchte. 

6. Komm geh

Mika Noé: Leute, das Blatt wendet sich. Also Mika kann auch glücklich. Und es geht noch nicht mal um so eine Bilderbuch Welt. Das Letzte, was ich machen will, ist, diese ganzen Themen, die ich davor in der EP angesprochen habe, wegzuwischen. Ich wollte kein Lied machen, in dem ich sage, wir vergessen das jetzt alles und haben wieder gute Laune. Das ist mir ganz wichtig. Das klingt so krass ausgelutscht, aber es ist mein Anliegen, mit meiner Musik Akzeptanz zu schaffen. Nicht, weil ich das schon alles begreife. Ich bin selber genauso unerfahren wie jeder und jede. Es geht mir darum, Akzeptanz für Dinge, die nicht gut laufen, zu erlernen. Und das Schlimmste, was man machen kann, ist vor schlechten Gefühlen wegzurennen. Denn die kommen wieder. Deswegen wollte ich sie auf gar keinen Fall wegwischen, sondern eher versuchen sie zu feiern. 

Inhaltlich geht es quasi um das Gefühl, zurück zu gucken und nicht diese Blumenwiese vor sich sehen zu müssen, um trotzdem mit einem guten Gefühl weitergehen zu können. Dieses Loslassen ist wie ein Weckruf an mich selbst. Also wie ein Reminder: nach diesen vier grauen Songs geht es bergauf, Leute. Alles ist gut. Und was ich halt mag, ist diese Klammer passend zum Intro. Es geht los mit lauten Drums. Mit einer Art Startschuss. Dann geht es in ein kleines Tal und da finden viele Geschichten statt und viele Unsicherheiten und Sachen, die mir schwerfallen in einer grauen visuellen Welt. Aber wir verlieren uns nicht in diesen ganzen blöden Gefühlen, sondern es geht mit diesem letzten Song da wieder raus und die Klammer, dieser Therapiebericht wird geschlossen.

Das sind so meine Gedanken zu der EP gewesen. Am Ende klingt es dann doch irgendwie schlüssig. Sehr schön, es ist nicht aufgeflogen. (Lacht)