Leo Kaminski im Interview über seine EP Flugangst
Foto via BMG

„Sollte ich nicht eigentlich ein bisschen Schiss haben?“ – Leo Kaminski auf der Erfolgswelle

Am 10. Juli kommt Leo Kaminskis EP »Flugangst« raus. Im Interview mit Mostdope spricht Leo Kaminski über seine Verbindung zu seinem Bruder und seiner Heimatregion. Bereits im letzten Jahr trat er auf dem splash! Festival auf. In diesem Sommer freut er sich auf sein EP-Release. Für ihn ist es etwas besonderes, wenn seine Musik an die Leute kommt. Doch auf das, was danach geplant ist, freut er sich noch mehr.

Was studierst du denn nochmal? Design, ist das korrekt?

Das ist richtig, ja. Also der Studiengang heißt Integrated Design. Da sind alle möglichen Gestaltungsformen gemischt. Wir haben auch ein Studio in der Uni, was sich ganz gut anbietet.

Also ist im Studium Audio-Design das, was dir am besten gefällt?

Ja, was ich auch am meisten mache, würde ich sagen. Im Studio ist nie jemand aus der Uni. Und da kann ich mich gratis reinbuchen und mache da auch Teile von meinem eigenen Kram. Das bietet sich an.

Du studierst und hast nebenbei über 100.000 monatliche Hörer auf Spotify. Das ist jetzt nicht der Normalfall für einen Studenten. Wie ist es so für dich? Wissen das deine Kommilitonen?

Also so Leute, mit denen ich zu tun habe, natürlich. Einfach weil das mein Lebensinhalt ist und man davon erzählt. Ob andere jetzt darüber Bescheid wissen? Vielleicht, aber das weiß ich nicht. Und für mich ist es schon so, dass das Studium momentan eher nebensächlich ist.


Okay, klingt entspannt. Dein Bruder Emil hilft dir beim Schreiben der Texte. Wie ist das denn entstanden? Hat er dich auch zum Musikmachen inspiriert?

Ja, tatsächlich schon. Ich war schon immer musikinteressiert, habe auch Instrumente gespielt. Aber Emil hat immer schon Texte, Gedichte und Songtexte geschrieben. Er kam dann irgendwann zu mir und meinte: „Du musst mal anfangen zu produzieren, das würde passen. Es wäre geil, wenn du das machst und ich schreibe dann.“ Dann habe ich erstmal drei, vier Jahre Beats für und mit Emil gemacht. Da habe ich Spaß daran gefunden, selbst aufzunehmen und was auszuprobieren. Für den Start war das praktisch, dass ich nicht angewiesen war auf den Produzenten. Ich konnte Tag und Nacht einfach meinen Kram machen und rumprobieren. Dadurch sind coole Sachen entstanden. Ein Großteil meiner meistgestreamten Songs ist auch noch von mir produziert.

Leo Kaminski im Interview über seine EP Flugangst
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Du hast aber auch mal gesagt, dass du dich mit deinen Liedern identifizieren können müsst. Wie ist es mit der Identifikation, wenn dein Bruder die Texte schreibt?

Damals hat Emil Texte für sich selber geschrieben. Aktuell gehen wir zusammen ins Studio. Meistens fange ich mit einer Idee an und er macht den Feinschliff. Er wirft dann Worte oder Reime rein und sagt: „Ey, die Sache kommt eher weniger cool und mach‘ es eher so rum.“ Da hat sich schon so eine Symbiose entwickelt, dass der Text nicht von einem von uns ist. Das ist dann unser Text. Natürlich gibt es noch einige Sessions, wo ich einfach allein schreibe. Aber wenn er dabei ist, dann fühlt es sich nicht so an, als würde jemand für mich schreiben. Er weiß, was mein Stil ist und was ich mag.


Hat Musik bei euch in der Familie einen hohen Stellenwert?

Ich würde nicht sagen extrem hoch, aber meine Mama war schon immer sehr musikalisch. Sie hat Klavier und Saxofon gespielt. Sie hat immer Spaß daran gehabt. Ich glaube, daher kam es auch, dass schon Wert daraufgelegt wurde, dass uns Musik nähergebracht wurde. Aber wir sind jetzt keine Musikerfamilie.


Du hast vorhin angesprochen, dass ein Teil deiner Musik in Aachen entsteht. Du selbst bist aus Aachen. Du hast auch mit $ONO$ CLIQ zusammengearbeitet, das ist ja ein Aachener Duo. Und du hast in einem Jugendtreffen im belgischen Raeren einige Musik-Sessions gehabt. Was bedeutet dir denn deine Heimatregion? Was macht sie besonders für dich?

Dieses Grenzübergreifende macht es sehr besonders. Also dass wir einfach drei Grenzen haben, die sich treffen, und dass man in 20 Minuten oder einer Viertelstunde drüben ist. Dadurch habe ich die Leute in Belgien kennengelernt. Ich glaube, das hast du in kaum einer anderen Stadt, dass es so nah an anderen Kulturen und Ländern dran ist. Und natürlich politisch – Aachen ist bekannt als sehr linke, sehr offene Stadt – was für mich auch wichtig war und in meiner Entwicklung eine große Rolle gespielt hat.

Auch ist Aachen keine Kleinstadt, aber kleiner als Köln und Berlin. Ich habe ja mehrere Shows bei mir zuhause im Musikbunker gespielt. Das war für mich so dieses Gefühl, selbst Kultur zu erschaffen in einer kleinen Stadt, in der es vielleicht weniger Angebote gibt als in Berlin oder Köln oder Hamburg. Das hat sich so besonders angefühlt, weil es da gefühlt eine Venue gibt. Dass man dann das auf die Beine stellt, dass man da ein eigenes Konzert veranstaltet, wo dann Leute hinkommen – das war schon anfangs ein sehr besonderes Gefühl. Und es ist auch immer noch so.

Du hast gesagt, Aachen ist jetzt nicht wie Berlin. In den letzten Jahren kamen schon einige Musiker aus der Stadt: THIZZY52 und $ONO$ CLIQ zum Beispiel. Kommt da eine Aachener Wave?

Bestimmt. Aachen bringt schon einiges Gutes hervor. In den letzten Jahren ist die Rap- und Newcomerkultur in Aachen nicht zu unterschätzen.

Wir können gespannt sein, was noch so aus Aachen kommt. Jetzt zu deiner EP: Am 10. Juli kommt »Flugangst« raus. Hast du selbst Angst vor dem Fliegen?

Tatsächlich ja, das hat sich irgendwie so entwickelt. Also Angst wäre vielleicht übertrieben, aber ich feiere es auf jeden Fall nicht. Es ist einfach dieser Kontrollverlust. Du kannst überhaupt nichts beeinflussen und man zerdenkt dann zu viel, was gerade eigentlich passiert. Man kann es nicht so ganz erklären. Aber der Name ist nicht nur auf dieses Gefühl bezogen. Es ist vor allem dieses Bild, dass mehr passiert und das Projekt und der Traum größer werden. Träume werden erreicht. Es fühlt sich wie Fliegen an, aber gleichzeitig ist da dieses reflektierende Auge, was draufschaut und überlegt: „Sollte ich nicht eigentlich ein bisschen Schiss haben?“ Ich will nicht abheben. Das fasst es für mich zusammen. Jeder Song ist ein Teil von Selbstentwicklung und Weiterentwicklung und handelt vom Rauskommen aus alten Mustern und dem Erleben von neuen verrückten Dingen.


Wo spürst du den Kontrollverlust jetzt, wo du ein bisschen mehr Erfolg hast?

Ich glaube der Kontrollverlust ist eher dadurch gekommen, dass ich mehr Kontrolle haben will und merke, dass es einfach teilweise nicht kontrollierbar ist. Gerade lebe ich von der Musik und ich möchte auch weiterhin davon leben. Bei Musik kann es sein, dass ich mir in drei Monaten einen Nebenjob suchen muss, weil es nicht mehr läuft. Oder in einem Jahr läuft es noch besser als jetzt. Das macht für mich den Reiz aus. Man muss aber auch Kontrolle abgeben. Ich versuche das Beste zu machen und meine eigenen Lieblingssongs zu machen. Was damit dann passiert, liegt nicht mehr in meiner Hand.

Es ist eine krasse Branche, das stimmt. Du hast für die ersten Tracks der EP auch Musikvideos gedroppt. Auf den Bildern zu »Nie im Club« sind Heizstrahler zu sehen. Wie kalt war es denn in dem Gebäude?


Der Bunker of Art in Aachen ist meistens sehr kalt. Der kühlt sich im Winter runter und geht im Sommer wieder hoch. Es war ein echt kalter Dreh, aber umso geiler, dass die Leute mit durchgezogen haben. Ich glaube, es waren 30 oder 40 Leute, die waren bis zum Ende dabei und haben kein Mal gemeckert. Es war sehr schön.

Bei den Musikvideos, dadurch, dass du ja auch Design studierst, so ist ja gemeint, bei dir geht es eher in Richtung Audio Design, konntest du dich da trotzdem auch ein bisschen ausleben? Wie groß ist da dein Einfluss auf die Musikvideos?

Die Musikvideos macht mein bester Freund und Mitbewohner, Julman (Anm. d. Red.: Julian Mann). Der Großteil der Videos und der Ideen entspringt seinem Kopf. Aber dadurch, dass wir zusammenwohnen und sehr viel Zeit miteinander verbringen, bin ich da schon auch immer tief drin in der Planung. Ich hatte immer Interesse daran, aber ich hatte nie so das Talent wie Julian. Ich kann teilweise meine Ideen reinbringen und weiß, dass er es geil umsetzt.

Ich glaube, wenn man einen Song visuell vernünftig umsetzt, kann man damit nochmal mehr Gefühle erzeugen. So wirkt der Song auch qualitativer. Ich will das weiterhin machen. Da bin ich froh, dass wir da so ein gutes Team haben.


Zurück zur EP: Gibt es da ein Lied, das dir besonders wichtig ist?

Mir sind natürlich alle sehr wichtig. Ich glaube, »Gewinner« ist schon ein Song, der mich am persönlichsten betrifft, beziehungsweise der persönlichste Song, den ich je released habe. Deswegen war’s mir auch wichtig, den als Single zu droppen. Der Song ist für mich auf jeden Fall ein Kernteil der EP.

Wieso ist er so wichtig?

Der Song geht darum, wie man mit dem möglichen Verlust eines Menschen umgeht und wenn Leute sich auf einmal verändern. Man kann nicht mehr einschätzen, was bei Personen abgeht, zum Beispiel was Drogenkonsum und so weiter angeht. Der Titel ist ein bisschen ironisch. Eigentlich sind wir Gewinner, aber es ist trotzdem passiert, das ist die Hook-Line.


Ist »Gewinner« dann auch dein Lieblingssong oder ist es nur der Persönlichste?

Mein Favorit ist die Single »Bauchgefühl«. Der ist ein bisschen anders als alle anderen. Ich glaube, den mag ich am meisten.

Letztes Jahr hast du auf dem splash! performt. Wie war das denn für dich, damals dort aufzutreten? Dort treten so viele nationale und internationale Größen auf. Wie ist es für dich, an derselben Stelle zu stehen?

Das war natürlich extrem surreal. Es war tatsächlich mein allererstes Festival überhaupt. Ich war natürlich bei kleineren Campus-Festivals, aber was an diese Größen dann herankommt, da war ich noch nie. Einerseits heißt das natürlich, dass ich nie auf dem splash! war. Ich hatte nie diesen riesigen Splash-Traum. Andererseits war es für mich die völlige Reizüberflutung. Am ersten Tag war mein Slot. Dann waren wir auch noch die restlichen zwei Tage da und haben Party gemacht. Das war schon sehr besonders.

Ich muss sagen, an den Moment, als ich auf der Bühne stand, erinnere ich mich nicht mehr so so klar, weil es einfach ein totaler Rausch war. Ich war nüchtern, aber es war trotzdem ein Rausch. Extrem krass. Auch, dass man dann am gleichen Tag, wie du meintest, internationale Größen gesehen hat. Ich habe hundert Meter von hier selbst eben gespielt. Das ist schon ein besonderer Moment. Da bin ich Zeitfang auf jeden Fall dankbar, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat.

Hast du dir denn irgendwelche Ziele für die nächsten Steps gesetzt? Auch trotz des vorher genannten Kontrollverlusts?

Erstmal will ich die EP über die Bühne und endlich zu den Leuten bringen. Das ist für mich immer ein besonderer Moment, wenn man es quasi freilässt und dann wieder einen frischen Kopf hat. Dann will ich mich an mein erstes Album setzen. Das ist auf jeden Fall ein Ziel, was ich habe und was mir sehr wichtig ist. Generell will ich einfach wieder zurückkommen zum Kern der Sache, also Musik machen, die mir und meinen Leuten gefällt. Ich glaube, darauf kann man alles aufbauen.

Leo Kaminski im Interview über seine EP Flugangst
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