Für alle, die mal eben an ihr Alter erinnert werden möchten: Ja, 2016 ist schon zehn Jahre her und ja, Alben, die auch heute noch einen festen Platz in unserem Repertoire haben, sind es auch. Deshalb nehmen wir uns die Zeit, ein bisschen nostalgisch zu werden. Aber nicht im Sinne von „Damals war alles besser“, sondern eher im Sinne von: Diese 10 Alben haben die Musikszene eben auch die letzten 10 Jahre enorm geprägt. Also Füße hoch und Boxen lauter drehen, wir präsentieren unsere Favoriten aus 2016.
SXTN – Asozialisierungsprogramm (06.02.)
»Asozialisierungsprogramm« machte seinem Namen alle Ehre und sorgte 2016 für einen Durchbruch im Deutschrap. Mit ihrem Debüt-Projekt erkämpfte sich das damalige Newcomer-Duo aus Nura und Juju mit ihrem feministisch-kompromisslosen Rap einen festen Platz in einer (heut immer noch) stark von Männern dominierten Szene. Songs wie »Fotzen im Club« legten den Grundstein für das Werk von Künstlerinnen wie Ikkimel und 6euroneunzig und haben immer noch nicht an Relevanz verloren, wie u.a. das Reclaiming des Begriffs „Fotze“ zeigt.
Beyoncé – LEMONADE (23.04.)
Der SNL Sketch »The Day Beyoncé Turned Black« hat es 2016 zwar etwas überspitzt, aber ziemlich genau auf den Punkt gebracht. »LEMONADE« ist das Album, das sich am meisten von den vorherigen Projekten unterscheidet. Es ist vor allem das bis dato persönlichste Projekt von B, es ging weniger darum zu gefallen, denn wer bis dato noch nicht von ihrer Diskografie überzeugt ist, wird es auch in Zukunft sein. Beyoncé zeigt sich hier authentisch, verletzlich und ehrlich. Es geht um Betrug, Vergebung, Selbstliebe und die eigenen Wurzeln.
Dabei experimentiert sie auf den 12 Tracks mit ihrem Sound und ebnet so den Weg für die aktuelle Trilogie bestehend aus »RENAISSANCE«, »COWBOY CARTER« und dem angeblichen Rock Projekt, das laut Gerüchteküche am 29. Mai erscheinen soll. »LEMONADE« ist ein No Skip Album, bei dem jeder Song trifft und uns im Ganzen auch nach dem 10.000. Mal hören noch zu Tränen rührt. Wenn man sich dann noch die Zeit nimmt und den Film guckt, ist eh Game Over. Unser Lieblingsalbum, an dem sich alle anderen Beyoncé Alben messen müssen.
KAYTRANADA – 99,9% (06.05.)
Ein Album, das den Sound ziemlich vieler anderer Artists um die Zeit beeinflusst hat. KAYTRANDA hat mit »99.9%« nicht nur ein Album veröffentlicht, das so perfekt seinen Stil definiert: Montreal trifft auf House und nostalgischen und gleichzeitig futuristischen R&B, Hip-Hop und Breakdance Sound. Bis heute ist auf jeder Partyplaylist mindestens ein Song aus dem Werk vertreten. Aber das ganze Album am Stück ohne Unterbrechungen macht immer noch am meisten Spaß.
Frank Ocean – blond (19.08.)
Vor zehn Jahren schenkte uns Frank Ocean sein, bis jetzt, letztes offizielles Projekt. Er spielt mit vielen Einflüssen wie Gospelchor, Gitarrensolos und persönlichen Monologen. Ein Album, was den Sommer so schön verkörpert, obwohl er durchdrungen von Herzschmerz ist. Sei es mit »Ivy« in denen Erinnerungen wach werden, »Self Control«, wo man nicht loslassen möchte und »Godspeed«, in dem man es schafft sich doch auf eine bittersüße Art zu verabschieden.
Mac Miller – The Divine Feminine (16.09.)
10 Songs, 52 Minuten und eine Reihe namhafter Features später lässt sich feststellen: Ein Mac Miller mit rosaroter Brille, inspiriert von der großen Liebe, kreierte mit »The Divine Feminine« eines der romantischsten Hip-Hop-Alben der letzten zehn Jahre.
In Songs wie »Dang!« (er)klingt diese Liebe laut und dringlich, als könne man nicht anders, als seine Gefühle der ganzen Welt mitzuteilen. In anderen Teilen des Albums trifft Mac Miller die leisen, schon fast andächtigen Töne des Verliebtseins und scheint stets bewegt zu sein von einer femininen Sinnlichkeit und Wärme.
Mac Miller hat 2016, mit seinem damals vierten Studioalbum eine verspielte und liebevolle Traumwelt erschaffen, in die es sich auch eine Dekade später immer noch lohnt zurückzukehren.
Solange – A Seat At the Table (30.09.)
Der Spätsommer endete und der Übergang zum Herbst gab uns Solange mit ihrem dritten Album. Voller himmlischen Tönen des Funk, Gospel und Neo-Soul, widmet sie ihre Songs existenziellen Gedanken, wie Independence und Selbstheilung/Wiederentdeckung. Ausdrucksstarke Tracks wie »Cranes in the Sky«, »F.U.B.U.« und »Rise« legen hierfür das Fundament.
Trettmann & KitschKrieg – KITSCHKRIEG VOL. 1-3 (29.01/11.05/26.10)
Scheinwerfer auf die Kombination, die Deutschrap für einige Jahre den Stempel aufdrücken sollte: Exemplarisch ist es »KITSCHKRIEG 3«, das genannt wird, aber eigentlich ist es eine ganze EP-Trilogie, die den Start der Erfolgsgeschichte von Trettmann & KitschKrieg markieren sollte. 2016 bleibt für immer in Gedanken etwas schwarzweiß verhangen.
Shindy – Dreams (11.11.)
„Die Realität des Michael Schindlers“ oder auch »DREAMS« lässt sich von manchen wohl als Magnum Opus des deutsch-griechischen Rappers verordnen. Aufgenommen im 29. Stock des Berliner Waldorf Astoria findet man über 15 Tracks verteilt die tonale Manifestation von Wohlstand, Arroganz und Geschmack. Auf seinem dritten Studioalbum liefert Shindy, direkt im Anschluss an die Veröffentlichung seiner Biographie, einen verheißungsvollen Statusbericht. Von der schwäbischen Kleinstadt zur Präsidentensuite am Kudamm flutet »DREAMS« die Boxen mit Sample-Chops, Image-Rap und einer gewaltigen Portion Dekadenz. Apropos Boxen: Im Rahmen der Album-Promo, bewarb Shindy eine Album-Box mit dem angeblich teuersten EGJ-Boxinhalt jemals. Schlussendlich handelte es sich hier lediglich um einen geringwertigen Rucksack, der folglich für Aufruhr unter seinen Fans sorgte.
Mit seinem unverkennbaren Stil und legendären Featureparts vom Bietigheim-Bissinger Nachbar Rin oder dem mittlerweile Popstar Nico Santos stellt »DREAMS« einen Meilenstein in der Geschichte des 2010er-Deutschraps dar. Nichtsdestotrotz sollte man trotzdem den flächendeckenden misogynen Ausdruck Schindlers kritisch hinterfragen. Schlecht gealterte Bushido-Arafat-Lines sind übrigens auch vorhanden.
Childish Gambino – Awaken, My Love (02.12.)
Mit »Awaken, My Love« hat Childish Gambino ein aus einer anderen Zeit zu stammend scheinendes Soul-Album mitten in den 2010ern geschaffen. Unglaublich warmherzig singt Donald Glover über die tiefsten menschlichen Gefühle und zeigt nach Jahren von Hip-Hop Projekten mit einem Mal eine gänzlich andere Seite seiner schier unerschöpflichen Varietät.
Little Simz – Stillness in Wonderland (16.12.)
Das Album, mit dem wir Little Simz entdeckt und lieben gelernt haben. Die Londonerin war damals noch Anfang 20 und nicht ganz so feingeschliffen und versiert wie heute. Aber genau das macht das Album noch immer zu diesem Rohdiamanten. Wir werden entführt ins Wunderland, aber eben in das von Simz und nicht von Alice und eben mit den Problemen, die man hat, wenn man in den Ends aufwächst. Dazu kommen Features von Chronixx, SiR, Syd, Chip, Ghetts und vielen mehr. Großartig verdrehte, schräge Sounds und das Album, mit dem klar wurde: Auf diese Künstlerin müssen wir ein Auge behalten, denn sie kann Geschichten erzählen wie nur wenige andere.




