Manchmal ergeben sich die spannendsten Rap-Projekte nicht aus großen Industrieplänen, sondern aus jahrelanger Freundschaft, gemeinsamen Discord-Calls und dem gegenseitigen Pushen. Hieraus ist auch das Mini-Tape »Sterben und sterben lassen« entstanden, das luci gemeinsam mit LEOH! am 22. Mai veröffentlicht hat.
Mit Tracks wie »Rocky Beach«, »8ball« und »Bassam« macht luci derzeit deutlich, wohin seine musikalische Reise führt. Und zwar weg von glatt poliertem Algorithmus-Rap und hin zu einem Sound, der roh und detailverliebt wirkt.
Hannover-Linden & Kabel8
Wir treffen luci online zum Gespräch, wo er über seine Musik, Freund*innen und sein Come-Up spricht. Er beschreibt Hannover-Linden als seinen prägenden Ort. Ein ehemaliges Arbeiter*innenviertel, postmigrantisch beeinflusst und wie üblich mit allen belebten Vierteln zunehmend von Gentrifizierung betroffen.
Er ist Teil des Kollektivs Kabel8, das sich ursprünglich aus einem langjährigen Freundeskreis entwickelte. Während Corona wurde gemeinsam gezockt, Musik gemacht und auf SoundCloud released. Irgendwann entstand daraus der Entschluss, Musik ernster zu verfolgen und kreative Kräfte zu bündeln.
Zum Umfeld gehören unter anderem der weitere Rapkollege LEOH!, Produzent 808Liebhaber sowie Mixing- und Mastering-Engineer Kevin Bulay. Somit bringt jeder eine erkennbare Rolle mit ins Tape.
Vor allem die Dynamik zwischen luci und LEOH! trägt das gemeinsame Projekt. Beide verbindet eine ähnliche Liebe für Punchlines und Reimketten. Diese ist natürlich begleitet von technischer Stärke. Im Interview beschreiben sie ihre Zusammenarbeit wie einen freundschaftlichen Wettkampf, denn jeder neue Part motiviert den anderen dazu, noch stärker zurückzukommen.
Hidden Samples statt Trend-Playlisten
Musikalisch ist das Projekt beladen zwischen 70 und 80 BPM, Drums und Jazzsamples, sodass eine Ästhetik irgendwo zwischen Griselda, Action Bronson und deutschem Underground entsteht.
Verantwortlich dafür ist Produzent 808Liebhaber, der sich in den letzten Jahren zunehmend auf genau diesen Stil fokussiert. Statt überladener Arrangements stehen markante Samplechops im Vordergrund, teils ausgegraben aus obskuren Jazzforen nach stundenlanger Suche, wie er uns erzählt.
Die Beats wirken dabei nie nostalgisch um der Nostalgie willen, sondern vielmehr wie eine Übersetzung in einen modernen Kontext und sind vielleicht auch gerade deswegen so passend für langjährige Underground-Hörer*innen wie für jüngere Fans.
Zusätzlich sind auch kleine Sounddetails wie Eastereggs in den Beat eingebettet. So folgt auf die Zeile von LEOH! in der Single »8ball« “Blüten grün wie Trauben, das eine exotische Rebe” ein dezenter Korkensound.
Laut 808Liebhaber und Kevin Bulay ziehen sich solche spielerischen Effekte bereits seit Jahren durch ihre Musik und sollen Songs beim wiederholten Hören lebendig halten.
Jenseits der Punchlines
Diese Produktionen funktionieren deshalb so gut, weil lucis Stimme sich wie ein weiteres Instrument darüber legt. Rau, aber mit erkennbarer Attitüde.
Interessant ist dabei, dass, laut eigener Aussage, er seinen Stil über Jahre für sich finden musste. Frühere Aufnahmen hätten noch völlig anders geklungen, erst Projekte wie »Guapo Guava« hätten ihn klänglich näher an das gebracht, was heute seinen Sound ausmacht.
Auch inhaltlich verfolgen luci und LEOH! bewusst Punchlines mit mehr Substanz als bloßer Provokation. Auf stumpfe Schocker, wie Sexismus und die einmillionste Mutter-Line, wird verzichtet, indem heutige gesellschaftliche Entwicklungen und religiöse Bildhaftigkeit in schwarzem Humor verpackt werden.
Samstags Pharisäer, sonntags aufstehen wie Lazarus
luci & LEOH! – »8ball«
Dieses Zitat setzte sich beispielsweise zusammen aus lucis frühen Berührungen mit Kirche und Kindergottesdienst, aber weniger aus Religiosität selbst und mehr aus seiner Faszination für ebenjene monumentale religiöse Bildsprache.
Hiermit schafft das Tape Härte und Attitüde an den Tag zu legen, ohne übliches Nach-unten-Treten.
Das Tape beweist eben, dass Rap auch ohne kalkulierten Hype hart und durchdacht klingen kann. Es wird hier nichts beschönigt.
Wenn das Kollektiv diesen Weg weitergeht, dürfte das kaum das letzte Mal gewesen sein, dass man ihre Namen hört.




